An der Schwelle des neuen Jahres ist eine Unterlassung zu korrigieren: man hat es versäumt, daran zu erinnern, daß einhundert und fünfzig Jahre seit dem Beschluß der vom Reichstag zu Regensburg eingesetzten Friedensdeputation vergangen sind. Mit dem Reichsdeputationshauptschluß aber – wie dieser Entscheid in der Regensburger Amtssprache jener Zeit (abgekürzt und immer noch schwerfällig genug) bezeichnet wurde und wie er in Historie und Geschichtsschreibung eingegangen ist – hat tatsächlich im Gebiet des Alten Reiches, noch kurz vor dessen Ende (anno 1806) mit der Einziehung der geistlichen Territorien sowie vieler Hunderte von kleinen reichsunmittelbaren Herrschaften und Städten eine so einschneidende Reform eingesetzt, daß es sich wohl rechtfertigen ließe, das damals Geschehene oder Begonnene auch heute noch zu betrachten... es vor allem unter heutigen Aspekten neu zu werten. Noch ergiebiger aber als eine solche Analyse der historischen Fakten wäre wohl eine sehr auf das geistesgeschichtliche Gebiet abgestellte Untersuchung: wie war es möglich, daß durch "Säkularisation" der geistlichen, "Mediatisierung" der weltlichen Herrschaften das überkommene Gefüge des Reiches nach nur wenige Jahre dauernden Beratungen so grundstürzend verändert werden konnte? Dabei geschah dies, was den ersten Schritt – die Säkularisierung – anbelangt, ohne jeden ernsthaften Widerspruch der Beteiligten und Interessierten, ausgenommen allein den schwedischen König, und der Beschluß wurde durch Organe des Reiches gefaßt, nämlich durch den jahrhundertelang politisch sterilen und fast aktionsunfähigen Reichstag selbst!

Die herkömmliche Auffassung – klassisch formuliert durch Ricarda Huch im "Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" – ist zwar richtig, trifft aber eben doch nur die eine Seite der Sache. Sicherlich bedeutet der Hauptschluß das Ende des Alten Reiches; die Ereignisse von 1806, mit der Niederlegung der Kaiserkrone nach der Konstituierung des Rheinbundes, haben nur das offenbart, was sich bereits in den Jahren vorher vollzogen hatte. Gewiß lassen sich die Vorgänge jener Wandlung unter den Begriff des moralischen Verfalls und des strukturellen Zerfalls bringen – und eine solche Wertung ergibt sich nahezu zwangsläufig, wenn man von der Idee des Alten Reiches ausgeht und dessen Geschichte schreibt: es fand hier definitiv sein Ende, nach einem nur schattenhaften Dasein während der letzten anderthalb Jahrhunderte seines Bestehens, seit dem Westfälischen Frieden also. Aber es muß doch die Frage gestellt werden, ob nicht von der gesamten bisherigen Geschichtsschreibung zwei Dinge überbewertet worden sind. Nämlich einmal: der Einfluß Napoleons, vor allem, seit (1801) im Frieden von Lunéville mit der Abtretung linksrheinischer Gebiete jene Verhältnisse geschaffen worden waren, mit deren Regelung man die Reichstags-Friedensdeputation beauftragt hatte. Und zum anderen: ganz allgemein der Charaker des Hauptschlusses als Auflösung einer staatsrechtlichen Ordnung.

Am äußeren Anstoß allein kann es nicht gelegen haben! Die Geschichte des Regensburger Reichstages zeigt genug Beispiele dafür, daß auch echte Notwendigkeiten ihn keineswegs zum Handeln (und nun gar schon zu schnellen Beschlüssen) veranlassen mußten. Warum eigentlich hat er sich in jenem Falle nicht wiederum seiner Verantwortung entzogen? Schließlich hat er sich doch, sehr im Gegensatz zu den sonstigen Verschleppungspraktiken, mit rechtem Eifer an die so undankbare wie peinliche Aufgabe gemacht, ein Friedensdiktat auszuführen – und er hat diese Aufgabe gelöst! Vielleicht ist es doch so, daß hier im Jahre 1803 mit dem Beschluß von Regensburg die große Wendung ins Licht tritt, die sich seit langem angebahnt hatte.. Mit der Aufklärung, speziell mit den Lehren vom Naturrecht, war der Boden seit langem bereitet; die französische Revolution – wir vergessen immer wieder, wie ihr Aufkommen allgemein als die "Morgenröte eines neuen Zeitalters" gewertet worden ist, ehe die Schreckensherrschaft zur zwiespältigen Beurteilung von Idee und politischer Realität führte – hat die Auffassung emporschießen lassen, daß man den veränderten staatlichen Verhältnissen nun auch Rechnung tragen müsse und könne: wenn nicht anders, dann durch ein Zerbrechen überlebten Formen ... Wenn auch die alte Idee einer Reichsreform damals nicht zur Geltung kam: um eine Reform des Reiches ging es dabei doch. Und noch tausend andere Momente spielen hinein. So etwa das Eintreten des Dritten Standes in das politische Geschehen, der Fortschrittsglaube und dazu eine ausgeprägte Diesseitigkeit, die alles transzendental begründete Staatsdenken abwertete.

Man mag in Einzeilheiten gewiß anderer Meinung sein. Soviel aber dürfte allgemein anerkannt werden: daß mit den Schulbuch-Kategorien den Geschehnissen jener Zeit nicht gerecht zu werden ist – es kann nicht so gewesen sein, daß die Jahre zwischen 1803 und 1806 ausschließlich von Erbärmlichkeit und politischer Nichtswürdigkeit geprägt waren, bis dann die geistige Wiedergeburt Preußens und Deutschlands – unvermittelt – glanzvoll einsetzte. Was nach 1807 zwischen Tilsit und Tirol geschah, ist – eine Selbstverständlichkeit! – nur als Wirkung älterer Ursprünge zu begreifen. Die Anbringung einer schematischen Zäsur "bis 1806" – "seit 1807" darf nicht dazu führen, daß die Kontinuität im Geistesgeschichtlichen außer Betracht bleibt. Es hat sich ein echter Wandel in jenen Jahren vollzogen, und der Beschluß von 1803 war ein Teil dazu. Erwin Topf