Schwarze Republik hat 150. Geburtstag

Ein Haiti-Cocktail wurde gereicht im Hamburger Hotel "Atlantik" am ersten Januar. Denn es sind genau 150 Jahre, seit es den schwarzen Sklaven gelang, das Joch der französischen Kolonialherrschaft auf der westindischen Insel, die damals noch Saint Domingue hieß, abzuschütteln. Am 1. Januar 1804 proklamierte Jean Jacques Dessalines die Unabhängigkeit des Staates unter dem alten indianischen Namen Haiti. Und diesen Tag feierte der Vertreter Haitis in Hamburg, Generalkonsul Max Bouchereau, mit vielen Freunden und Gästen. Das Fest bot Folklore: Wodu-Kult mit Trommelwirbel, zelebriert von Haitianern, die eigens zu diesem Zweck nach Hamburg gereist waren. Das Hoch auf die Freiheit nach der Nationalhymne, die leider niemand singen konnte, wurde mit deutschem Sekt ausgebracht.

Wenn wir ein wenig tiefer hineinleuchten in das Dickicht der haitianischen Geschichte, finden wir, daß Haiti jenes Land gewesen ist, das sich nach Nordamerika als erstes Kolonialgebiet seine Selbständigkeit erkämpfte und damit bahnbrechend wirkte für ganz Lateinamerika auf seinem Weg in die Freiheit. Im übrigen aber müssen wir wohl oder übel auch den Worten des französischen Autors Tibor Mende beistimmen, der schrieb: "Die Geschichte Haitis war während des ganzen 19. Jahrhunderts eine Kette heftiger Schwankungen vom Theatralischen bis zum Irrsinn, vom Maßvollen bis zu den ärgsten Übertreibungen eines hemmungslosen Romantizismus."

Theatralisch? Ohne Zweifel, wenn man den überaus raschen Szenenwechsel von Republik zu Monarchie und vice versa bedenkt, der dort über die Bühne ging mit 34 Landesvätern, davon 30 Präsidenten, drei Kaisern und einem König, die zusammen im Zeitraum von etwa 80 Jahren zwei Dutzend Verfassungen und 69 Revolutionen erlebten. Und gewiß auch romantisch, wenn wir vernehmen, daß König Henri I. von Haiti neben einigen lobenswerten Eigenschaften die Ambitionen eines Vierzehnten Ludwig mit denen Ivans des Schrecklichen verband: Er baute neun Paläste und fünfzehn Schlösser und verlieh Adelsprädikate etwa eines "Duc de la Marmelade" oder eines "Duc de la Limonade", was weder ein Witz ist noch eine Anspielung auf lukrative Südfruchtgeschäfte. Denn Marmelade und Limonade sind die Namen von Ortschaften unweit der Hauptstadt Port au Prince. Henri I. erlitt schließlich als Regent Schiffbruch. Er zog die Konsequenzen und jagte sich, festlich gewandet und parfümiert auf seinem Thron sitzend, eine Kugel ins Herz. Eine goldene Kugel, die er eigens zu diesem Zweck hatte gießen lassen.

Haiti ist kein reicher Staat. "Alles ist knapp, nur nicht Menschen und Politik", meinte einmal ein prominenter Staatsmann Haitis, der sein Land kannte. In der Tat leben auf kaum 28 000 Quadratmetern Bodenfläche mehr als drei Millionen Einwohner; es ist überdies ein Gebiet, das zum größten Teil gebirgig und unpassierbar ist. Es gibt eine Eisenbahnlinie von 140 Kilometern Länge. Es gibt sechs Zeitungen mit einer Gesamtauflage von 24 000 Exemplaren; das ist viel, denn die Analphabeten machen 85 v. H. der Bevölkerung aus. Um Handel und Industrie ist es auch nicht eben üppig bestellt. Ein wenig Kaffee (Hauptumschlagplatz Hamburg), ein wenig Sisal, Zucker, aus dem der Rum für den Cocktail gemacht wird, und Bananen, die die Einheimischen in Ermangelung von anderen Nährwerten selbst essen. Es gibt ein großes schwarzes Proletariat und eine hauchdünne schwarze Oberschicht, die mit Cadillacs einherfährt. Das wird auf die Dauer nicht gut gehen. Heinz Hell