Von Hubertus Prinz zu Löwenstein

San Clemente, nicht weit vom Colosseum, ist vielleicht Roms bemerkenswerteste Kirche. Erbaut auf den Grundmauern des Flavischen Kaiserpalastes, umfaßt sie in drei übereinanderliegenden Heiligtümern, Europas besterhaltenen Mithrastempel und dazu die christliche Entwicklung von fast zwei Jahrtausenden. Ihren Namen hat diese Kirche von Sankt Klemens, dem dritten Nachfolger des heiligen Petrus. Er war ein Begleiter des heiligen Paulus und nach manchen Historikern ein Mitglied der Flavischen Dynastie. Man zählt ihn zu den apostolischen Vätern und sein Name erscheint im Canon der Messe. Unter Kaiser Trajan hat er als Verbannter in der Krim um das Jahr 100 den Märtyrertod erlitten.

Die "Obere Basilika", deren Ausschmückungen und Seitenkapellen bis ins Rokoko reichen, wurde 1084, nach der Verwüstung der Stadt durch den Normannen Robert Guiscard, errichtet. Aber viele ihrer Teile sind weit älteren Ursprungs. So ruht ihr Dach auf Säulen, die auf dem Forum einst die Tempel der Götter und Cäsaren getragen haben. In der Apsis findet sich das schönste mittelalterliche Mosaik "Der Triumph des Kreuzes". Als spätestes Datum nennt man das Jahr 1300. Doch das Kreuz, das der Vater in die Erde pflanzt, und die als Tauben dargestellten Apostel, dürften der Justinianischen Zeit angehören.

Auch der Hochaltar ist uralt. In ihn eingebettet sind die Reliquien Sankt Klemens’ und eines anderen frühchristlichen Märtyrers, des heiligen Titus Flavius Clemens. Er war römischer Konsul, als sein Vetter Domitian, der letzte Flavier, Kaiser war. Ursprünglich dürfte dieser Hochaltar in der "Unteren Basilika" gestanden haben. Sie war dem Bewußtsein der Menschen entschwunden, bis sie im Jahre 1857 wiederentdeckt wurde. Über hunderttausend Wagenladungen von Schutt mußten entfernt werden. 1868 wurde sie neu geweiht. St. Hieronymus zählt die "Untere Basilika" schon 386 zu den ältesten christlichen Denkmälern Roms. In ihr fand 417 unter Papst Zosimus das allgemeine Konzil statt, das die Pelagianische Lehre, nach der der Mensch aus freiem Willen, ohne göttlichen Gnadenakt, das Heil erwerben könne, verdammte. Die Fresken, noch gut erkennbar und in lebendigen Farben, gehen auf die frühesten christlichen Jahrhunderte zurück.

Aber schon lange, bevor diese Basilika im heute üblichen Sinne des Wortes "Kirche" wurde, dürfte sie dem christlichen Kult geweiht gewesen sein. Denn Papst Zosimus schreibt an Sankt Augustin und die afrikanischen Bischöfe, daß hier "St. Klemens, erfüllt von den Lehren des heiligen Apostels Petrus, uralte Irrtümer mit großer Autorität berichtigt habe". Welche "uralten Irrtümer" mögen das gewesen sein? Hier mag der Schlüssel liegen zum Verständnis der dritten Stufe dieses Bauwerks, vierzig Fuß unter dem heutigen Straßenniveau. Schon vor den Tagen des Kaisers Konstantin, der dem Christentum Duldung gewährte, könnte dort eine Gebetstätte gewesen sein, und zwar im Vorraum des Mithrastempels. Daß dieser unberührt aus der Vergessenheit der Jahrhunderte wieder zu uns gekommen ist, dürfte mit dieser christlichen Nachbarschaft – oder Tarnung – zusammenhängen. Denn es gab eine Zeit, da frommer Eifer in Rom und im ganzen Reiche die alten Heiligtümer zerstörte und die edlen Säulen stürzte. Man glaubte, Gott durch die Zerstörung des Schönen einen Dienst zu erweisen.

Im Jahre 392 setzte dieser barbarische Sturm ein, nachdem eine heidnische Mehrheit des römischen Senats, getroffen weniger durch Gottes Erleuchtung als von der Macht des Kaisers Theodosius des Großen, die Götter des Imperiums und Griechenlands verworfen und das Christentum zur Staatsreligion erklärt hatte. Zwei Jahre später erließ Theodosius unter dem Einfluß des unbeugsamen Bischofs Ambrosius von Mailand noch ein besonderes Verbot gegen den Mithrasdienst. "Wegen seiner schamlosen Praktiken" erklären einem die irischen Dominikaner, die San Clemente heute innehaben. Sie meinen damit die kultischen Liebesmahle, von denen, wie vom ganzen Mithrasdienst, Frauen strengstens ausgeschlossen waren. Aber was ist daran wahr und was Verleumdung? Viele Religionshistoriker sind der Ansicht, daß die Mithrasanhänger von puritanischen Moralbegriffen waren. Noch sind, in einer für die Wissenschaft eigenartigen Zensur, von den Fachgelehrten die Originalurkunden, Testamente persischer Mithraspriester aus der Zeit Christi, der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht worden.

Das ist eine ganz eigene, eine mythische, eine magische Welt, die sich tief drunten in dem höhlenartigen Heiligtum auftut. Unter dem Steinboden rauscht eine Quelle wie ein starker Wasserfall. Die Wände sind feucht und dunkel. Unversehrt steht in der Mitte des Raumes der Altar: Mithras Invictus, ein jugendlicher Held, angetan mit einer phrygischen Mütze und einem wehenden Mantel, kniet auf einem zusammenbrechenden Stier, dem er ein kurzes Schwert in die Seite gestoßen hat. Hund, Schlange und Skorpion stürzen sich auf das Opfer, um dessen Blut- und Zeugungskräfte zu vernichten. Aber schon sprießt neues Leben, und der Schweif des Tieres wandelt sich in Ähren.