P. C. Karlsruhe

Die Mitteilung des bayerischen Wirtschaftsministers Hanns Seidel, der erste deutsche Atommeiler werde wohl in München errichtet werden, hat in Baden-Württemberg Ärgernis erregt. Dort wünchte man, ihn bei Karlsruhe entstehen zu sehen, nahe der Universität Heidelberg und nahe dem Uran im Schwarzwald.

In Bayern verweist man darauf, daß München als Standort eines Atommeilers viel für sich habe. Da ist die Universität, an der Professor Bopp in der Nachfolge Sommerfelds über Atomphysik arbeitet; da ist die technische Hochschule mit Professor Maier-Leibnitz. Professor Heisenberg, der Leiter des Max-Planck-Instituts, der selbst Bayer ist, würde, wie es heißt, die Verlegung seines Instituts von Göttingen nach München begrüßen und am Bau des Kernreaktors teilzunehmen, der zum Mittelpunkt des Instituts werden würde. Geplant ist ferner, wie man erfährt, die Errichtung eines chemischen Instituts unter Leitung eines früheren Mitarbeiters von Professor Otto Hahn, sowie eines Krankenhauses zur Behandlung von Geschwulstkrankheiten durch radioaktive Bestrahlung. – Auch wirtschaftliche Kreise sind mit der Wahl Münchens einverstanden. Sie sollen erhebliche Mittel für die Forschung zugesagt haben, insbesondere, falls der Nobelpreisträger Professor Adolf Butenandt, Tübingen, dem Ruf an die Münchner Universität folge. Das hat er inzwischen getan, und auch dies ist von Gebhard Müller, dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, mit Enttäuschung vermerkt worden.

In der Bevölkerung Münchens macht man sich bereits Gedanken, ob es gefährlich sei, einen "Kernreaktor" in nächster Nähe zu haben. Professor Heisenberg äußerte sich beruhigend: Schließlich sei ein Atommeiler keine Anlage zur Herstellung von Atombomben, sondern diene vor allem wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Erfahrungen. – Baden-Württemberg ist von jeher die Landschaft der Technik gewesen. "Der Meiler gehört in unsere Gegend!", verlangt man hierzulande und vernimmt mit Genugtuung, daß Gebhard Müller erklärte, er werde den Fall bei der kommenden Konferenz der Ministerpräsidenten in München auf die Tagesordnung bringen.