Auf Grund solcher Argumentationen schließt das Bundesverfassungsgericht, im Gegensatz zur gesamten übrigen Rechtssprechung einschließlich der des Bundesgerichtshofes, daß 1945 alle Beamtenverhältnisse beendet waren, daß somit alle nachher bestehenden Beamtenverhältnisse neu geschaffen sind – ebenso via facti und ohne Rechtsakt, wie sie vorher via facti beendet wurden – und daß der Artikel 131 des Grundgesetzes nichts als ein nobler Fürsorgeakt sei, mit dem die Bundesrepublik den 1945 nicht weiter beschäftigten Beamten eine Art Gnadenpension gewähre. Heißt das nicht so viel wie: Über Gnade kann man nicht streiten, und deshalb haben die 131er mit dem zufrieden zu sein, was ihnen zugebilligt worden ist...?

Es ist uns nicht bekannt, um welchen Betrag es sich bei den 131ern handelt, welche Mittel also der Bund aufbringen müßte, wenn das Bundesverfassungsgericht zugunsten der Beschwerdeführer entschieden hätte. Allein zu der Rechtsfrage, die zu beantworten war, kann die Höhe dieser Summen nichts beitragen. Dies geht den Gesetzgeber an; seiner Entscheidung müssen sich die 131er fügen, wenn sein Gesetz nicht verfassungswidrig ist. Wichtiger aber als die materiellen Folgen können die moralischen Folgen eines solchen Urteils sein. Zwar kann man sich auf den Standpunkt stellen, daß die Beamten, auf die es ankommt, im Dienst sind und infolgedessen durch die Entscheidung wie durch die Argumente des Gerichtes unmittelbar nicht betroffen werden. Man kann aber auch der Meinung sein, daß die Leichtigkeit, mit der hier die Rechtsstellung sämtlicher Beamten eines großen Landes einfach als durch Ereignisse oder durch Eingriffe von außen beendet erklärt wird, den moralischen Konsolidierungsprozeß empfindlich stören muß, in den unser schließlich aus Beamten bestehender Staatsapparat in den letzten Jahren eingetreten ist. Und daß sich die Jüngeren unter uns, die vielleicht demnächst wieder die Kasernen bevölkern sollen, fragen werden, wem eigentlich ihre Loyalität gehören soll, wenn sie in eine Nation hineingeboren sind, deren Staat bald vorhanden ist und bald nicht, und dessen Identität die Gerichte leugnen, wenn er wieder zum Vorschein kommt. W. Fredericia