München, Anfang Januar

Es fällt mir nicht ein, meine Karten aufzudecken. Meine Aufgabe ist nicht, mich selbst philosophisch auszubeuten", erklärt Friedrich Dürrenmatt in seiner Komödie "Ein Engel kommt nach Babylon", die an den Münchner Kammerspielen unter Hans Schweikart ihre Uraufführung erlebte. Das läßt sich verstehen, denn um beim Kartenspiel zu bleiben: Dürrenmatt hat diesmal nicht besonders, viel in der Hand, und obwohl er mehr philosophieren läßt, als es dem Drama bekommen kann, schickt er die Zuschauer mit einer nur mageren Ausbeute auch aus der Philosophie nach Hause. Dabei versteht er, die Ehe des Herrn Mississippi erwies es, wie nur wenige aus seiner Generation recht wohl, worauf es beim Theater ankommt.

Daß ein makellos reines Mädchenkind frisch aus des Schöpfers Hand auf diese Erde entsandt wird als ein Erweis seiner Gnade, und daß die Menschen mit diesem Gottesgeschenk wieder einmal nichts anzufangen wissen, ist ein Vorwurf vom Tiefsinn der echten Märchen. Auch bei meiner Durchführung gibt es reizende Einfälle für die Bühne. Gleich zu Anfang versammeln sich nicht weniger als drei Rotbärte da oben, einander zum Verwechseln ähnlich aufgemacht, und jeder in einer anderen Funktion: ein echter Engel, ein Meisterbettler und ein König, der sich nach Kalifen- und Tyrannenart nur als solchen verkleidet hat. Einen anderen hintergründigen Einfall darf man eher schaurig nennen, aber er verrät erst recht, was Dürrenmatt vom Theater versteht. Im letzten Akt läßt er Nebukadnezar in einer sonderbaren Symbiose mit Nimrod, dem unterworfenen Exkönig von Babylon, auftreten, fast wie auf den alten Spielkarten zum König, wie im Wasser gespiegelt, stets sein eigenes Gegenbild gehört. Hier hat Nebukadnezar die Füße auf den Schultern seines alten Widersachers, der in den Stock geschlossen, unter seinem Throne hocken muß, und von Zeit zu Zeit tränkt er es ihmmit Fußtritten gehörig ein, daß er ihm zuvor einmal übergewesen. Allein als die Macht sich bedroht zeigt, durch einen Volksaufstand eben wegen jenes Gottesgeschenkes, da lassen sich beide plötzlich in besorgtem Unisono vernehmen, der Treter oben und der unverwüstliche Getretene mit seiner Hoffnung, doch noch einmal wieder hochzukommen, unter seinen Stiefeln. Das sind Augenblicke, wo von der Bühne her das Schaudern über uns kommt. Leider sind sie selten, denn im übrigen wird endlos, nicht immer klar und noch weniger von neuen Gesichtspunkten aus geredet, über die Vergänglichkeit und die Verwerflichkeit der Macht und über den Vorzug der Armut, von der schon Rilke nicht recht glaubhaft versicherte, daß sie ein großer Glanz von innen sei. Da ist uns der echte Brecht, als dessen Schüler Dürrenmatt sich hier mit als Makamen hergerichteten Songs erweist, schon lieber mit seiner aufrichtigen Feststellung, daß es sich nur im Wohlstand angenehm lebe.

Auch Akki, der Bettler, lebt darin, oder jedenfalls, er vermöchte es, denn er bettelt so hervorragend, daß er ganze Hände voll schieren Goldes in den Euphrat wirft und für sich nur etwas Gutes zu essen und zu trinken übrigbehält. Das möchte man so wenig einen echten Bettler nennen, wie einem das in dem berühmten Roman geschilderte einfache Leben jemals wirklich einfach hat vorkommen wollen. Dergleichen Konfusion begegnen wir häufig in dieser nicht zu Ende gedachten Komödie in welcher sich trotz Erich Pontos großartiger Verlebendigung des Bettlers keine wirkliche Gestalt zeigen wollte, sondern lauter Aussprecher von Meinungen und Ansichten. Wenn die Handlung vollends nicht aus dramatischen Gegebenheiten, sondern aus dialektischen Schlüssen immer mühseliger dem Ende entgegengeführt werden muß, so macht sich allmählich die Langeweile breit, die auch Schweikarts Regie diesmal nicht zu bannen vermochte. Dabei zeigte auch Rudolf Vogel in einer hinreißend durchgeführten Episodenrolle als melancholischer Henker, was immerhin noch aus der Sache zu machen gewesen wäre, obwohl auch der Text für ihn schließlich aus der gleichen blassen Tinte geflossen war.

Den unausbleiblichen Premierenbeifall zur Kenntnis nehmend, ging man enttäuscht nach Hause. Dürrenmatt hatte es sich für diesmal zu leicht gemacht, und vielleicht hat er selber ein Gefühl davon gehabt, als er auf den Proben äußerte, jetzt möchte er das Ganze noch einmal von vorne schreiben. So etwas ist ein schwieriges Unterfangen, und man weiß aus der Literaturgeschichte, wie wenig meistens dabei herausgekommen ist. Warten wir lieber auf seine nächste Arbeit, denn daß er für das Theater zu schreiben versteht, hat er mit diesem matten Dürrenmatt ja nicht aus der Welt geschafft. Paul Alverdes