Ist die Managerkrankheit, von der in den letzten Jahren so viel geredet und geschrieben wird, eine Fabel? Fast möchte man das glauben, wenn man eine diesem Problem gewidmete Untersuchung in der Jahrhundert-Festschrift der Victoria Versicherung liest, die zu dem Schluß kommt: „Das untersuchte Material (etwa 25 000 leitende Personen mit 1179 Todesfällen in drei bis fünf Beobachtungsjahren) erbrachte nicht den Beweis, daß gegenwärtig in der Bundesrepublik allgemein und für einen längeren Beobachtungszeitraum eine Übersterblichkeit der leitenden Persönlichkeiten besteht...“ Es ergab sich bei den Managern in der Wirtschaft (kaufmännische und technische Leiter) eine weitaus geringere Sterblichkeit, als dies nach den Sterblichkeitstabellen der Versicherungsgesellschaften zu erwarten gewesen wäre. Der Autor dieser Untersuchung, Dr. Carl Böhm, führt das darauf zurück, daß man, um überhaupt Manager werden zu können, eine außerordentlich kräftige Konstitution haben müsse, und dies wirke sich in den entscheidenden Jahren aus.

Also gibt es die „Managerkrankheit“ nicht, so möchte man folgern; ja, es scheint, daß die Manager besonders gesunde Leute sind. Aber diese Statistik zählt ja nur die Todesfälle, zählt nur die Katastrophen, nicht aber die Krankheitsfälle. Der Manager, dank seiner günstigen materiellen Lage, hat, wenn er erkrankt, eine besonders gute Pflege, und er läßt sich, wenn zum Beispiel seine Herzbeschwerden zu heftig werden, von seinem Arzt zu einem langen Urlaub, mancher vielleicht auch zum Ausscheiden aus dem Beruf bestimmen. Ihn hat dann zwar die Managerkrankheit ruiniert, er erscheint aber nicht in der Statistik der Todesfälle. Man muß eben – trotz einem unleugbaren Zusammenhang – zwischen Managerkrankheit und Managertod unterscheiden.

Für eine solche Betrachtungsweise spricht stark die in derselben Veröffentlichung enthaltene Untersuchung der Sterblichkeit der politischen Persönlichkeiten, vor allem der Bundestagsabgeordneten. Hier handelt es sich ebenfalls um „Manager“ (nämlich um leitende Persönlichkeiten). Bei den Bundestagsabgeordneten zeigt sich nun eine sehr hohe „Übersterblichkeit“ gegenüber der „Tabellenerwartung“, und zwar in allen Altersgruppen: die stärkste „Übersterblichkeit“ sogar bei den Vierzig- bis Fünfzigjährigen. Und zwar stieg die „Lebensgefährdung“ mit jedem Jahr der Zugehörigkeit zum Parlament. Im dritten Legislaturjahr (1951 bis 1952) starben doppelt so viele Bundestagsabgeordnete, als die Versicherungsmathematiker erwartet hatten. Danach scheint das Amt des Bundestagsabgeordneten eines der gefährlichsten Ämter in Deutschland, zu sein. (Landtagsabgeordnete sind sehr viel weniger gefährdet: die Zahl ihrer Todesfälle nähert sich denen der übrigen gleichaltrigen Männer, doch zeigen auch sie vom zweiten Legislaturjahr an eine kleine „Übersterblichkeit“.)

Was besagt dieser höchst auffällige Unterschied zwischen der „Sterblichkeit“ der politischen und der wirtschaftlichen „Manager“? Man kann vielleicht soviel vermuten, daß

1. die politische Auseinandersetzung noch verantwortungsschwerer, härter und anstrengender ist als die wirtschaftliche;

2. daß die Atmosphäre des Bundeshauses mit seinem mörderischen Klingellärm und seinen sonstigen Alarmgeräuschen nervenfeindlicher ist als die irgendeines Bürohauses oder einer Fabrik;

3. daß der Parlamentarier noch weniger Möglichkeiten hat, einen einigermaßen regelmäßigen Lebenswandel zu führen, als der Wirtschaftsführer;