Von Martin Rabe

Kein Künstler kann ein Werk schaffen, ohne daß das große Erbe aller derer, die ihm vorangingen, in ihm weiter wirkte, ihn bildend beeinflußte. Kein Kunstfreund kann ein Kunstwerk betrachten, ohne daß die Summe der Erfahrung dessen, was er vorher sah, seine Betrachtungsweise bestimmte, Erinnerung an früher Gesehenes in ihm wachriefe." Mit diesen Sätzen leitet Leopold Reidemeister, der Generaldirektor der Kölner Museen, den Katalog seiner Ausstellung "Begegnungen von Kunstwerken verschiedener Jahrhunderte" ein. Sie ist in Köln in der Eigelstein-Torburg zu sehen.

Die Kunstwerke sind fast alle paarweise angeordnet, und zwar so, daß ein älteres mit einem neueren konfrontiert wird, das ein gleiches Thema behandelt, einer gleichen Stimmung entspringt oder eine gleiche Anschauungsweise verrä:. Da hängt etwa eines der Pariser Selbstporträts der Paula Modersohn-Becker und daneben ein griechisch-ägyptisches Mumienporträt einer Frau aus dem zweiten bis dritten Jahrhundert n. Chr. Hier ist die Beziehung sehr einfach herzustellen. Wir wissen, daß die Malerin die Reproduktion eines solchen Mumienporträts in ihrem Pariser Atelier hängen hatte, und G. Vriesen hat nachgewiesen, daß ihre schmalen frontalen Selbstbildnisse mit den großen weit aufgerissenen Augen von diesem alten Kunstwerk beeinflußt worden sind. Hinge daneben noch eines der figürlichen Südseebilder von Gauguin, so würde man im Farbigen den Einfluß dieses Malers bemerken können. Jahrtausendealte und höchst moderne Kunst haben also zu Beginn unseres Jahrhunderts geholfen. den Stil der Malerin zu bilden. Die Persönlichkeit der Paula Modersohn-Becker aber war so stark, daß ihre Bilder eine völlig eigene Prägung bekamen.

Die "Begegnungen" sind aber meis: viel weitläufiger, ohne eine so direkt nachweisbare Beziehung. Da ist ein Geflügel-Stilleben von Frans Snyders, eine Häufung von toten Schwänen, Fasanen, Pfauen, Hühnern bis herunter zu Finken und Dompfaffen, alles mit der Freude an der stofflichen Oberfläche und körperlichen Schwere gemalt – man meint, diese kleinen toten Vögel auf der Steinstufe so gewichtig und dicht zu fühlen, daß man sie anfassen möchte. Und daneben hängt das fast ebenso große "Geburtstagsstilleben 1911" von Lovis Corinth, ein Haufen von toten Rehen, Gänsen, Fasanen, Fischen und Früchten, hinter dem eine halbnackte Frau steht. Auch hier, obgleich impressionistisch gemalt, die gleiche Freude an der Fülle, dem Reiz der Oberfläche und dem Gewicht des Dargestellten. Es ist nicht wahrscheinlich, daß Corinth gerade diesen Snyders gekannt hat, aber natürlich hat er andere gesehen, und ebenso ähnliche Bilder anderer flämischer und holländischer Künstler. Es ist die Aufgeschlossenheit für das Saftige und Derbe der Natur, das ihn mit den alten Künstlern verbindet.

Andere Begegnungen sind völlig geistiger Art. Da hängt ein Selbstporträt des gleichen Lovis Corinth neben Rembrandts bekanntem Selbstbildnis des grinsenden Alten, das ehemals in der Sammlung Carstanjen war und heute dem Wallraf-Richartz-Museum gehört. Beide Künstler haben sich im Alter von rund 60 Jahren dargestellt, beide, wie man aus dem spirituellen Ausdruck schließen kann, im Bewußtsein des nahenden Todes. Und beide haben, wie Reidemeister es vorzüglich formuliert, ihre Biographien in Selbstbildnissen geschrieben.

Da ist die grandios gemalte Darstellung des Hauptes eines toten Bullen von Francisco de Goya, aus dem Besitz der Galerie Wildenstein, New York, und daneben die Pinselzeichnung eines Ziegenschädels von Pablo Picasso, eine Leihgabe von Michael Hertz aus Bremen. Beide Bilder sind Darstellungen der Vergänglichkeit, sehr spanisch, düster und tragisch, Symbole für den zugleich makabren wie heroischen Stierkampf und für die Armut der Bauern auf dem gebirgigen, vielfach unfruchtbaren und dürren Lande.

Neben einem Teniers hängt ein Caspar David Friedrich. Beide Bilder zeigen ein einfaches Kreuz in der Landschaft, bei dem Holländer im Gebirge, bei dem deutschen Romantiker am Meer. Bei Teniers ist die Stimmung gewittrig, Caspar David Friedrich stellt den Einbruch der Nacht dar. Beide Künstler verstärken durch die Art der Darstellung das Gefühl der Einsamkeit, des Verlorenseins, das den Menschen gegenüber der Natur befällt, Beide, durch Jahrhunderte voneinander getrennt, schufen aus der gleichen romantischen Stimmung.