Die Situation ist nun eindeutig geklärt: Hein ten Hoff weiß jetzt genau, woran er ist. Sein tapferer und entschlossener Kampf gegen den Vierten der Weltrangliste, Dan Bucceroni, hat den Beweis erbracht, daß der ehemalige Deutsche und Europameister im Schwergewicht kein Weltklasseboxer ist. Andererseits hat aber der Kampf gezeigt, daß ten Hoff trotz seiner vierunddreißig Jahre und mancher technischer Mängel eine Gefahr selbst für die Besten der Weltrangliste ist.

Die meisten der ach so klugen Boxexperten wurden durch Hein ten Hoff insofern Lügen gestraft, als sie dem Deutschen eine sichere K.o.-Niederlage vorausgesagt hatten. Die aber verstand er erfreulicherweise zu vermeiden.

Was also wird nun kommen? Wird das amerikanische Gastspiel des Hamburgers hiermit beendet sein? Und wird er womöglich nach Hause zurückkehren, um hier nun wieder im Ring zu erscheinen? Das ist eine Frage, die außerordentlich interessiert, und die vor allem natürlich Hein ten Hoff selbst sorgfältig überdenken muß, und die auch er allein nur entscheiden kann. Daß man hier an ihm nun plötzlich wieder ein sehr großes Interesse zeigt, geht aus vielfachen Kommentaren und Äußerungen bekannter Boxfachmänner zu dem Milwaukee-Kampf eindeutig hervor, die über ihn nach seiner sensationellen Niederlage gegen Heinz Neuhaus sehr abfällig geurteilt hatten. Selbst ein Mann wie Max Schmeling, der nun doch wirklich etwas vom Boxen im allgemeinen, von dem Geschäft in diesem Sport und auch von den amerikanischen Verhältnissen im besonderen etwas versteht, rät ihn, die Rückreise über den Ozean anzutreten und in Deutschland und in Europa nach Gegnern zu suchen, wobei er sich angeblich keine Sorge zu machen brauchte, genügend zu verdienen.

Wir aber sind ganz anderer Ansicht. Wir glauben, daß es das Dümmste wäre, was Hein ten Hoft tun könnte, wenn er den Sirenenklängen, die nun aus Deutschland zu ihm hinübertönen, folgen würde. Was könnte er schon gewinnen? Gewiß dürfte ein neuer Kampf hier gegen Neuhaus ein Bombengeschäft werden, aber das Risiko, des ten Hoff damit eingeht, erscheint uns zu groß. Daß ten Hoff der zur Zeit stärkste deutsche und wahrscheinlich auch europäische Schwergewichtler ist, dürfte außer Heinz Neuhaus selbst und seinen Managern wohl niemand bestreiten. Neuhaus ist jedoch ein Boxer, der ten Hoff gar nicht liegt: Gelänge ten Hoff aber in einem Revanchekampf mit dem Dortmunder kein entscheidender Sieg, so wäre es mit seinem Prestige in Amerika, das nach der Niederlage gegen Bucceroni eher gestiegen als gesunken ist, für immer vorbei.

Denn drüben ist es schon seit Jahren sehr langweilig im Schwergewichtsboxen geworden. Die Farbigen hatten abgewirtschaftet, unter den weißen Amerikanern fand sich bis Marciano kein Klasseboxer; man mußte, um wieder Auftrieb ins Geschäft und Geld in die Kassen zu bringen, Ausschau nach Ausländern halten. Man sehnte sich vor allem nach einem zweiten Max Schmeling: ein Deutscher wäre die rechte Zugnummer, meinten viele, die in Nordamerikas Boxsport ein Wörtchen mitzureden haben – und endlich erschien wieder einer – eben Hein ten Hoff –, der sich nun allerdings erst einmal heraufarbeiten mußte. Und das tat denn auch unser Freund recht und brav, und so kam es schließlich zu dem Kampf in Milwaukee. Und wir möchten meinen, daß um den Ring im Auditorium sehr viele Box Veranstalter saßen, die nur einen Wunsch hatten: der Deutsche möge gewinnen, ganz egal wie. nur gewinnen, damit eben endlich wieder Leben in die Bude käme. Dieser leise Herzenswunsch smarter Geschäftsleute ging nun allerdings nicht in Erfüllung, man muß halt weiter noch ein Weilchen warten – aber für Hein ten Hoff war der Kampf kein unnützer. Ihm wird man jetzt gern Kämpfe antragen, zwar zunächst wohl nicht mehr mit der sogenannten Weltklasse, aber es gibt ja noch genügend andere gute Boxer, mit denen Geld zu machen ist. Um ihnen gegenüberstellt zu werden, bedarf es für ten Hoff keines neuen Kampfes mit Neuhaus, auch nicht des Europatitels, der drüben gar nichts gilt und völlig uninteressant ist (weshalb denn auch angebliche "Enthüllungen" über fingierte Kampfangebote von Neuhaus an ten Hoff unglaubwürdig klingen).

Hein ten Hoff also sollte in Amerika bleiben und dort jeden boxen, dazu in Ruhe abwarten, wer vom alten Kontinent vielleicht herüberkommt, um sein Glück zu versuchen, und diese Männer dann einen nach dem anderen abzufertigen. Für einige Jahre noch als bester europäischer Schwergewichtler in Amerika zu gelten – und zwar mit Recht, das ist ten Hoffs große – und einzige Chance nach der Niederlage von Milwaukee.

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Leichter, als es der ehemalige Deutsche Meister ten Hoff gehabt hat, wird es gewiß ein anderer deutscher Boxer haben, der nun auch den anderer über das große Wasser wagen will: Gustav Scholz. Kenner halten ihn für das größte Talent überhaupt, das wir je im Boxsport hatten. Er soll ein begnadeter Könner sein, und wenn man bedenkt, daß er in seinen bisherigen 49 Kämpfen nicht einmal geschlagen wurde, kann man dieser Ansicht wohl nicht widersprechen. Der frühere Weltergewichtsmeister boxt nun im Mittelgewicht, und morgen tritt er in Hamburg gegen den belgischen Meister an – diese Klasse hat zwar nicht im entferntesten das Interesse der Öffentlichkeit, aber eine wirkliche Größe kann auch in ihr zu Weltruhm und unbestrittener Popularität kommen und Reichtümer ernten, was ja schließlich für Berufsboxer doch immer die Hauptsache ist. Man darf gespannt sein, welche Aufnahme Scholz in den Vereinigten Staaten finden und welche Kämpfe man ihm antragen wird. W. F. Kleffel