Der Sturm der Zeit hat in keinem Theaterpublikum ähnlich gewütet wie in dem Wiens. "Die Gesellschaft" der Vorkriegszeit, die zumindest darum ins Theater ging, um zu sehen und gesehen zu werden, ist von einer neuen Gesellschaft verdrängt, die das gleiche viel mondäner in St. Anton am Arlberg erreicht. Der Mittelstand, dem das Theater Daseinssphäre war. ist bis zum Elend verarmt. Die hohe Bürokratie von einst, in ihren musischen Interessen ohne Beispiel, ist im Aussterben, und die Juden, früher die Säule jeder Wiener Theaterbilanz, sind ausgestorben worden. Das Wiener Theater aber, ob nun auf Kunst oder auf Kassa oder auf Kompromiß zwischen Merkur und den Musen gestellt, zielt immer noch auf dieses Publikum ab, als gäbe es wirklich noch die Frau Sektionsrat, die mit drei Töchtern ins Theater geht, oder die Begeisterten aus der Vorstadt, die Kassenschlachten inszenierten, wenn "der Moissi" spielte. Die Theaterdirektoren tun, als wäre der distinguierte Habitué in der Fremdenloge noch Wirklichkeit – die Bühne lebt in ihrer "Goldschnittzeit" weiter.

Nun hat ein Wiener Theaterdirektor eine Idee, und es wird sich zu zeigen haben, ob er als eine Art Bühnen-Rowohlt in die Theatergeschichte Wiens eingehen wird. Es ist Direktor Epp vom Volkstheater, das einmal Deutsches Volkstheater hieß. Damals, ehe in Österreichs Schulen von Unterrichtsminister Hurdes die deutsche Sprache durch "Unterrichtssprache" (auch "Hurdestanisch" genannt) ersetzt war und ehe eine Wiener Zeitung entdeckte, daß das Burgtheater von Joseph II. mitnichten als deutsche, sondern als österreichische Nationalbühne gegründet worden sei. Doch – so würde Kipling schreiben – das ist wieder eine andere Theatergeschichte aus Wien. Hier aber geht es um diese: Direktor Epp vom (Deutschen) Volkstheater hat also eine Idee. Das Publikum kommt nicht ins Theater? So will Epp denn zum Publikum gehen, und nun gastiert das Volkstheater an der Peripherie, "hinter der Linie" in Brauereisälen, Volksbildungsinstituten und Werkskantinen, von der Arbeiterkammer treulich geführt.

Also "Bildung ins Volk"? Nicht in dem nach geistigem Armensüppchen riechenden Sinn einer Zeit, die noch in kultureller "Volksfürsorge" machte. Direktor Epp geht es weit eher um materielle Kunstfürsorge, um die Gewinnung eines neuen Publikums für die alte Kunst. Für diesen Versuch, den Musen in der Vorstadt eine Gasse zu bahnen, ist Direktor Epp berufen wie kaum ein anderer. Seine Erfahrungen mit dem Pleitelöwen, der umgeht, brüllend und suchend, wen er verschlinge, hat er als Leiter der "Insel" gemacht, die unter seiner Führung zusammenbrach. Seinen künstlerischen Ritterschlag hat er vom Burgtheater bekommen, an dem er als Dramaturg tätig war, und daß er Künstler von hohen Graden ist, kann nicht einmal durch das böswillige Gerücht entkräftet werden, sein Volkstheater sei gar nicht passiv. Ist dem aber so, dann ist es ihm um so höher anzurechnen, daß er zum Kampf die Vorstädte ausziehen will. Das Theater als eine congregatio de propaganda arte, die Bühne als missionarische Anstalt in eigener Sache ist immerhin ein Versuch, der Aufmerksamkeit verdient. Roland Nitsche