Die Aussprache-Tagung, zu der die Volkswirtschaftliche Gesellschaft (Sitz Hamburg) führende Persönlichkeiten von Kohle und Eisen nach Essen in das Gebäude des ehemaligen Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats eingeladen hatte, wurde ein voller Erfolg. Präsident Dr. Köhler darf sich den 7. Januar in seinem Kalender dick anstreichen: es ist ihm unter weitgehender Unterstützung von Dr. Franz Grosse (von der Gemeinschaftsorganisation Ruhrkohle) gelungen, ein vorzügliches Auditorium zusammenzubringen und eine lebhafte Diskussion zwischen Bundeswirtschaftsminister Erhard, den Vertretern der Wissenschaft und den markanten Vertretern der Montanwirtschaft zu erreichen. Besonders bemerkenswert waren die Äußerungen Erhards, daß er keineswegs weltfremd sei, sondern durchaus zugebe, die allgemeinen Spielgeregeln der Marktwirtschaft nicht ohne weiteres auf Kohle, Eisen und Stahl übertragen zu können. Wenn er dennoch verlange, daß "das Denk-Modell Marktwirtschaft" auch im montanen Bereich stets vor Augen stehen müsse, dann nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Kohle und des deutschen Stahls im Verhältnis zu den übrigen Montan-Unionländern und besonders auch England gegenüber stärken zu müssen.

Die sehr lebhaften Wünsche des Kohlenbergbaues (Referent Dr. Franz Grosse) und der eisenschaffenden Industrie (Referent Direktor E. W. Mommsen) faßte in der Diskussion Bergwerksdirektor Engelbert Raueiser von der Bergbau-AG Ewald König Ludwig (Reichswerke) in das sozusagen dreidimensionale Bild zusammen: "Wir haben den Wunsch, wie eine Fußballmannschaft aufzutreten, die gegen eine andere Fußballmannschaft im Wettkampf steht. Wir halten es aber für töricht, wenn jeder der elf Spieler mit irgendeinem der anderen elf seine Spielchen macht, oder wenn sogar innerhalb des eigenen Teams gekämpft wird. Wir sind der Auffassung, daß wir eben als Team auftreten müssen, um gegen die anderen Teams gewappnet zu sein."

Ludwig Erhard, der dieses Bild mit sichtlicher Freude aufgriff, entgegnete darauf: "Ich bin auch für Fußballmannschaften – aber ich halte es für falsch, wenn sich alle elf Mann in ein Tor stellen und nichts anderes tun als mauern."

Dieser Wortkampf, mit dem die Partie zwischen Industrie und Minister wieder 1:1 steht, kennzeichnet die Situation recht treffend. Auch Professor Wessels, Rektor der Universität Köln, meinte als wissenschaftlicher Referent der Tagung, daß ein gewisser Zusammenschluß in den Grundstoffindustrien durchaus notwendig sei; der Wettbewerb dürfe aber unter keinen Umständen so eingeschränkt werden, daß die Bildung neuer Unternehmen unmöglich sei. Von neuen Unternehmen strahle eine wesentliche "Motorisierung des Wettbewerbs" aus. Es sei auch falsch, anzunehmen, daß der Wettbewerb allein eine sinnvolle Ordnung des Marktes gestalten könne. Um dies zu erreichen, bedürfe es einer aktiven Wirtschaftspolitik des Staates.

Professor Erhard pflichtete dem bei. Er formulierte: Konjunkturen sind nicht unser Schicksal; Konjunkturen sind unser Wille, wir "machen" gute oder schlechte – immer werden Konjunkturen durch Willensakte der Menschen ausgelöst, so oder so. Rlt.