Auf der Moskauer Hinrichtungsliste standen neben dem MWD-Chef Berija der frühere Sowjetbotschafter in Berlin, Dekanosow, und sein Botschaftsrat Kobulow.

In einer ihrer seltsamen, makabren Launen hat die Weltgeschichte die beiden Gegenspieler der Nacht des 22. Juni 1941, in der Hitler der Sowjetunion den Krieg erklären ließ, ausgelöscht: Ribbentrop wurde nach dem Spruch des Militärtribunals in Nürnberg im Oktober 1946 und Dekanosow wurde nach dem Urteil des Militärgerichts in Moskau Ende Dezember 1953 hingerichtet.

In jener dramatischen Nacht stand Ribbentrop grau und bleich hinter dem alten Schreibtisch Bismarcks, dessen Bild, von Lenbach gemalt, der einzige Schmuck dieses traditionellen Arbeitszimmers der deutschen Außenminister war. Die etwas gedrungene, aber würdige Gestalt des Botschafters Dekanosow, den man gegen vier Uhr früh ins Auswärtige Amt geholt hatte, trat vor den Schreibtisch. Dekanosow erklärte: "Exzellenz, meine Regierung ..." Ribbentrop aber ließ ihn den Satz nicht vollenden: "Herr Botschafter, ich habe Ihnen die Kriegserklärung der deutschen Reichsregierung zu überreichen..." Ribbentrop nahm einen Stoß Dokumente vom Schreibtisch und begann mit monotoner Stimme hastig die Sätze vorzulesen, die Staatssekretär Gaus in enger Klausur formuliert hatte. Als er geendet hatte, erwiderte Dekanosow gefaßt: "Die Geschichte wird erweisen, daß es sich um Irrtümer der Reichsregierung handelt..."

Bei seinem Staatsbesuch in Berlin im November 1940 hatte Molotow als neuen Botschafter Dekanosow mitgebracht. Sein Name war bisher nicht bekannt gewesen. Der Wechsel rief im Diplomatischen Korps große Überraschung hervor. Dekanosows Vorgänger war Schkwarzew gewesen: ein früherer Textiltechniker, der keine diplomatischen Erfahrungen besaß. Der eigentliche "erste Mann" in dieser Zeit war der dreiundzwanzigjährige Pawlow, ein Favorit Stalins, der später auch der Dolmetscher des Meisters auf den Konferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam sein durfte. Mitglieder der sowjetischen Botschaft deuteten an, daß Dekanosow das Vertrauen höchster Stellen in Moskau habe. In der Tat bewegte sich dieser Botschafter freier als seine Vorgänger und versuchte sogar, eine Art gesellschaftlichen Lebens in seinem Botschaftsgebäude, im alten großherzoglich-mecklenburgischen Palais Unter den Linden, zu arrangieren. Er gab einen großen Empfang mit vielen hundert Gästen, bei dem zum erstenmal auch der damalige Legationsrat Semjonow Kontakte suchte, der als Hoher Kommissar heute Hausherr der neuen großen Botschaft Unter den Linden ist.

Der Text der deutschen Kriegserklärung an Sowjetrußland hatte den Namen eines Mitgliedes der Sowjetmission enthalten: des Botschaftsrates Kobulow. Es wurde ihm vorgeworfen, daß er versucht habe, in Berlin ein Spionagenetz aufzubauen. Hand in Hand mit Berija und Dekanosow ist Kobulow jetzt ins Nitschewo gewandert. Während Dekanosow die Erscheinung eines europäischen Diplomaten guten Stils darstellte, war Kobulow der reine Typ des asiatischen Politikers. Er stammte wie Stalin, Berija und Dekanosow aus Georgien.

Kobulow war sehr aktiv. Er veranlaßte die Einladung von fünf TASS-Vertretern zu einer Reise durch die besetzten westlichen Gebiete und durch die Tschechoslowakei. Nach einigen Reisetagen konnten die deutschen Begleiter feststellen, daß es sich um MWD-Oberste handelte. Tatsächlich hat Kobulow versucht, in seiner Wohnung am Kaiserdamm 85 eine Spionagezentrale aufzubauen. Seine Gehilfen waren die TASS-Korrespondenten Fillipow und Sergei Kudriawtzew. Kobulow gab ihnen den Auftrag, auch Auslandskorrespondenten slawischer und baltischer Herkunft für das Netz zu gewinnen. Die deutsche militärische Abwehr spielte aber bald das Spiel mit und versorgte ihn mit gefälschtem Material, das Kobulow – wenn auch nicht hoch – bezahlte. Aus Fragen, die er einen seiner Agenten noch am Vorabend des Krieges stellen ließ, war zu erkennen, daß Kobulow wirklich nicht gut informiert war; er hatte nicht mit einem so frühen Kriegstermin gerechnet.

Heute darf man die Frage stellen, ob hinter den dicht verriegelten Türen des Moskauer Militärtribunals nicht auch diese Dinge eine Rolle gespielt haben? Hat sich die Führung der Roten Armee gerächt...?