K. W., Berlin

Bei den Berliner Vorverhandlungen über die Konferenzstätte und die Konferenztechnik traten zum ersten Male seit mehr als fünf Jahren die Berlin-Vertreter Amerikas, Englands, Frankreichs und der UdSSR zu wiederholten und langwierigen Besprechungen zusammen. Von den vier Berlin-Repräsentanten ist der sowjetische am längsten in Berlin. Er ist auch der einzige, der kein Soldat ist: der kleine, gedrungene Dengin war wohl während dieser fünf Jahre der Entfremdung das einr oder andere Mal zu einem Höflichkeitsbesuch auf irgendeinem Empfang der Westkommandanten erschienen; aber allgemein hatte sich seine Tätigkeit auf die Entgegennahme von Demarchen der Westkommandanten und auf die Absendung von Sowjetschreiben beschränkt, die fast ausnahmlos den Wunsch nach Auflösung der freiheitlichen Berliner Organisationen wie der "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" und des RIAS-Senders zum Gegenstande hatten. Jetzt erwies sich der bisher so schweigsame Dengin, der stets im schwarzen Anzug auftaucht, am Olympia-Stadion, in Karlshorst und in Berlin-Dahlem als ein vollkommener Typ der sowjetischen Diplomatie von heute: ein zäher Forderer, der kein Thema zur Ruhe kommen läßt, ehe es nicht in seinem Sinne entschieden ist.

Dengin gegenüber saßen in diesen mehrtägigen Verhandlungen Militärs: der amerikanische Stadtkommandant Timberman, ein Truppenführer, der auf seinem Posten des Stadtkommandanten noch nicht recht warm geworden ist. Er, der klein von Gestalt ist, wird meist von dem übernormal großen Mr. Parkman begleitet, den Conant gerade erst als seinen Deutschland-Vertreter in Berlin eingeführt hat. Auch Coleman, der Kommandant des britischen Sektors, ist General, zudem ein Mann, der seine letzten Wochen in Berlin verbringt, da er auf ein hohes Militärkommando in der NATO berufen ist. Der schlanke, hagere Coleman, der den englischen Habitus immer bis zur eleganten Handhabung des britischen Offiziersstöckchens unterstreicht, ist von den Westkommandanten am längsten in Berlin; stets trägt er seine Berlin-Kenntnis mit betont politischem Elan in den Besprechungen vor. Auch der dritte Verhandlungspartner des Zivilisten Dengin war stets ein Soldat, der Franzose Manceaux-Demiau: der kleine, drahtige französische General, dessen Rayon der Norden Berlins mit dem Wedding und Reinickendorf ist, hat vor allem – ähnlich wie seine Vorgänger – die kulturelle Palette Berlins anzureichern sich bestrebt. Er war es, der am Tage vor dem Beginn der Vorverhandlungen um das Konferenzgebäude den überraschenden Besuch des sowjetischen Hochkommissars Semjonow bei François-Ponçet ankündigte. François-Ponçet war seit langer Zeit wieder einmal auf zwei Tage nach. Berlin gekommen, zusammen mit Bérard, seinem Stellvertreter. Sie hatten das Gebäude des alliierten Kontrollrats, das die drei Westmächte als Tagungsort für die Berlin-Konferenz vorgeschlagen haben, besichtigt und auch das daneben gelegene wiederhergestellte große Kathreiner-Haus in Augenschein genommen, das von westlicher Seite als Pressehauptquartier vorgesehen ist.

In den mehrtägigen Vorverhandlungen der Westkommandanten mit Dengin traten die westlichen Vertreter stets gemeinsam auf, ihre Einheit betonend. Da Dengin gegenüber dem alliierten Kontrollratsgebäude manche Bedenken – auch Bedenken der Sicherheit – ins Feld führte, ging bei der Diskussion des Konferenzplatzes die Erörterung vor allem darum, ob die Konferenz jeweilig drei Tage hintereinander in Westberlin und einen jeweilig vierten Tag in Ostberlin stattfinden solle. Die sowjetische Forderung zielte darauf, die Konferenz jeden zweiten Tag in Ostberlin zu Gast zu haben.