K. W., Berlin, im Januar

Johannes R. Becher ist "Minister für Kultur" geworden. Das ist nicht der Höhepunkt, sondern das Ende einer Karriere oder auch die Erlösung von einer unerträglich gewordenen Zumutung, als Dichter zu figurieren. Und doch galt der 63jährige, dessen trüb gewordenes Auge sich hinter dicken Brillengläsern verbirgt, einmal als deutscher Poet mit Anspruch. In den literarisch fruchtbaren Jahren zwischen 1918 und 1930 nannten die Almanache der Expressionisten und Kubisten den Münchener Juristensohn Becher einen ihrer kühnsten. Eruptive Dramen, Wortkaskaden, gestammelt und bewußt formlos, wiesen den jungen Becher als einen Anarchisten der Seele, des Gemüts und wohl auch des unausgegorenen Charakters aus. Immerhin: Der Funke schien zu zünden, und im Chor der Neuerer hatte Becher – allerdings wohl mehr der Ungewöhnlichkeit seiner Diktion wegen als um des geistigen Gewichts seiner Poeme willen – einen Platz. Daß dieses literarische Ungestüm links, sehr weit links seine unbestimmte politische, zu nichts verpflichtende Heimat suchte, war begreiflich. Aber das literarische Fahnenschwingen Bechers hat sich damals jedenfalls nie zur Tribünen-Poesie etwa eines Erich Weinert herabgelassen.

Dies tat erst der langjährige Aufenthalt in der sowjetischen Schule des Funktionärdaseins. Die vielen Bände von Gedichten und Tagebüchern, die der Auf bau-Verlag nach 1945 von Becher auf den Markt warf, hatten Datumsbezeichnungen. Sie wirken wie Jahresringe des schöpferischen Eintrocknens. Je näher sich diese gereimten Aussagen der Gegenwart zu entwickelten, desto mehr wurden sie billige, nicht einmal handwerklich gute politische Kommentare. Schlimmer noch als diese Versimpelung, die die offizielle Sowjetzonenkritik als Läuterung verbucht, war der sentimental-schwärmerische Patriotismus, mit dem sich Becher als mäßiger Epigone eines Ernst von Wildenbruch erwies. "Vaterland", "Deutschsein", "Heimat", "Mütterchen" – all dies, was der "chaotische Zerstörer" von 1920 mit einer Springflut von literarischem Unflat zerstörte, häufte er jetzt zu gemütvollen Biedermeier-Balladen, weinte und jubelte mit schwarzweißroten Rethorik.

Als er dann, mit sowjetischen Panzern in das zerschlagene Deutschland zurückkehrend, sogleich erster "Kultur"-Trommler von Sowjets Gnaden wurde, suchte er Anknüpfung an die alte Weimarer Literaturvergangenheit. "Da bin ich ...", rief er den Freunden von ehedem im Westen zu. Und die meisten von ihnen streckten dem Wiedergekehrten die Harid entgegen, so Thomas Mann und Heinrich Mann. Im "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" machte Becher das Büro zur Sowjetisierung der deutschen Kultur auf. Viele der Literaten, der Freunde von einst, haben ihm eine Weile, manche länger, geglaubt. Er wurde alles, was seine sowjetischen Lehrmeister an Ämtern zur. "Förderung der Kultura" zu vergeben hatten: Präsident des Kulturbundes, Vizepräsident der Akademie der Künste, Penclub-Vorsitzender, natürlich mehrfacher Nationalpreisträger und vor allem Festredner (Festredner auf allen Varianten von Kultur- und Friedenskongressen), Adressen- und Telegrammproduzent zu allen Gelegenheiten, die eine gehobene Sprache verlangen. Und er produzierte. Zu jedem Anlaß, den die SED und der SED-Staat nur fabrizierten, lieferte er die Reime: Zum Fünf jahresplan, zum SED-Parteitag, zu Ulbrichts Parole vom "Aufbau des Sozialismus".

Natürlich machte er die ostzonale Sonderhymne, feierte die FDJ, Hennecke, Frieda Hockauf, die Weberaktivistin, machte Verse gegen Adenauer und sang vor allem auf Stalin, auf die Rote Armee, auf die Komsomolzen, auf die Traktoristen, auf alles, was östlich der Oder-Neiße-Linie liegt, Reimereien wie diese:

"Wer hat vollbracht all die Taten,

die uns befreit von der Fron.