Erzählung von E. A. Greeven

Damals, vier Jahre nach dem ersten Weltkrieg, war die eiserne Brücke über den Värtan, die Stockholm mit der Insel Lidingö verbinden sollte, noch im Bau. Die offene Fähre, manchmal auch eine Dampfschaluppe, fuhr von der Stadt hinüber zur Station Vasawägen, wo sich zwischen Wiesen und bewaldetem Hügelland eine bescheidene Kolonie angesiedelt hatte. Dort fand ich nach einigem Suchen eine mir zusagende kleine Wohnung.

Meiner Wohnung gegenüber lag auf dem gleichen Flur eine zweite, aber noch unvermietet. Es war nicht jedermanns Sache, hier draußen zu wohnen, wo man mancherlei Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen mußte. Das hübsche Holzhaus am Waldrand zum Beispiel, in das seit kurzem das alte herzleidende Fräulein Lundquist mit ihrer Nichte Ebba eingezogen war, hatte zwei Jahre leer gestanden. So erzählte jedenfalls der Milchmann, der jeden Morgen in der Siedlung rundfuhr und Milch und Joghurt ausschellte. Das blonde Fräulein Ebba habe vor kurzem ihre beiden Eltern verloren und trage deshalb Trauerkleider.

Eines Spätnachmittags klingelte es an meiner Tür. Ein anständig, etwas pastörlich gekleideter Herr von etwa fünfunddreißig Jahren bat um Entschuldigung wegen der Störung und fragte, ob ich ihm sagen könnte, wie teuer die Wohnung mir gegenüber wäre. Der Preis schien ihn bedenklich zu stimmen; er überlegte ein Weilchen und sagte dann mit Entschiedenheit: "Ich möchte die Wohnung doch sehr gern ansehen ... wäre das möglich?" Da ich die Schlüssel in Verwahr genommen hatte, bat ich den Fremden, mir zu folgen.

Eigentlich war nichts Besonderes an dem Manne, zum mindesten auf den ersten Blick. Und doch spürte ich etwas in seiner Erscheinung und seinem Gehaben, das gewissermaßen eine innere Alarmglocke bei mir auslöste: Achtung, irgendwas ist seltsam, irgendwas nicht in Ordnung an diesem Menschen! Worin aber das Seltsame bei Herrn Tore Kjellberg bestünde, hätte ich nicht erklären können. Er hatte seinen Namen schon nach den ersten Worten erwähnt und hinzugefügt, daß er als Bibliothekar der Christian-Science-Gemeinde an den Vormittagen in der Stadt beschäftigt sei und abends häufig Cello in dem großen Kino "Roda Quam" spiele- Die Personalunion von Christian-Science-Bibliothekar und Kinomusiker war nicht gerade alltäglich, aber ich konnte mir vorstellen, daß der eine wie der andere Posten Herrn Kjellberg nur recht mangelhaft ernährt hätte.

Ich öffnete also die Wohnungstür, die mit hohlem Knall aufsprang. Drinnen noch es noch penetrant nach Lack und Farbe. Tore Kjellberg durchschritt die beiden Räume, steuerte gleich auf das breite Fenster des Wohnzimmers zu und betrachtete angelegentlichst die Aussicht. In keinem Reiseführer der Welt hätte diese Aussicht ein Sternchen bekommen, aber der anspruchslose Bibliothekar schien befriedigt zu sein. Da war links der Wiesenweg zur Station, schräg gegenüber hatte der Bäcker Sjögren seinen Laden, und wenn man den Kopf nach rechts wandte, fiel der Blick gerade noch auf Fräulein Lundquists Garten und Holzhaus.

Tore Kjellberg trat vom Fenster weg und atmete tief auf: "Ich nehme die Wohnung. In einer Wodie hoffe ich einzuziehen." Ich bedeutete ihm, daß er sich wegen des Mietabschlusses mit dem Hausbesitzer in Verbindung setzen müßte, da meine Kompetenz hiermit erschöpft wäre. Als er sich mit den üblichen Dankesworten verabschiedete, überraschte er mich in letzter Minute durch die zögernd gestellte Frage, ob ich mit unseren Nachbarn hierherum wohl näheren Umgang hätte. Seine Frage, falls sie überhaupt einen Sinn hatte, konnte sich nur auf den Bäcker Sjögren oder die Damen Lundquist beziehen, obwohl bisher von irgendwelchen Nachbarn mit keinem Wort die Rede gewesen war. Ich verneinte kurz, und das schien ihm eine Beruhigung zu sein.