Von Hans Thierbach

Endlich ist es soweit: Die Frage der deutschen Einheit ist Gegenstand internationaler Konferenzen. Es wird also Zeit, daß auch alle jene, die sich für Kulturfragen verantwortlich fühlen, die Aufgaben durchdenken, die sich aus der Zonenvereinigung ergeben.

Zuerst müssen wir feststellen, daß Berlin die Hauptstadt Deutschlands ist, und fürwahr: große Reformen können nur von einem Zentrum aus bis in das letzte Dorf wirken – darin ähneln sie den Revolutionen. Und außerdem: nur ein zentrales Kultusministerium in Berlin wird auf breitester Grundlage jene Auslese der Persönlichkeiten und Kräfte vornehmen können, welche die Reform verlangt.

Das geeinte Deutschland wird seine Teile weniger durch Macht als durch Ideen zusammenhalten. Der Mann, der diese Zeilen schreibt, erinnert sich noch der Hochgefühle, mit denen er einst als junger Dozent einer Pädagogischen Akademie nach Kottbus ging. Mit welchen Hoffnungen und Idealen sind wir damals an die Grundlegung einer neuen Lehrerbildung nach Elbing und Frankfurt/Oder gezogen, die durch die Gründung der Pädagogischen Akademien durch Minister Becker 1926 ermöglicht wurde. Ohne eine solche echte Aufbruchstimmung wird man die unvermeidlichen Schwierigkeiten eines kulturellen Neubaues im Osten nicht bewältigen. Es muß ja die Lehrerbildung in Ostdeutschland wieder völlig neu geprägt werden, weil alles das verschüttet und umgebogen wurde, was wir einst erstrebt haben. Von zehn Neulehrern in der heutigen Sowjetzone haben acht nur eine Kurzausbildung von drei bis sechs Monaten durchgemacht. (Die langjährig an den Universitäten ausgebildeten Lehrer fallen zahlenmäßig nicht ins Gewicht.) Gottlob ist auch drüben noch eine Reserve tüchtiger Schulmeister vorhanden, die in der Stille wirken und sich dem politischen Terror nicht unterwarfen. Aber wie viele Menschen mögen in den bitteren acht Jahren, da sie unter der Diktatur lebten, die Kraft, Energie und Begeisterungsfähigkeit eingebüßt haben!

Blickt man in die Stoffverteilungspläne der Schulen in der Sowjetzone, so ist man erschüttert, zu sehen, wie stark mechanischer Drill und Einpauksystem vorherrschen. Die für jeden Lehrer verbindlichen Lehrbücher eines Jessipow und Gontscharow legen in allen Einzelheiten die Marschroute für die tägliche Stunde fest; und wehe dem Pädagogen, der es wagt, nach eigenem Gewissen besondere Wege zu gehen! Es ist, als ob von Leipzig aus nie ein Gaudig gewirkt hätte, ein Petersen nie von Jena aus. Die jungen Lehrer werden in Ostdeutschland die Lehren von der Selbsttätigkeit des Kindes als eine pädagogische Neuentdeckung in sich aufnehmen und zum erstenmal die Arbeitsschule Kerschensteiners zu Gesicht bekommen. Welch eine riesige geistige Pionierarbeit liegt hier vor uns, zwei Millionen ostdeutsche Schulkinder in neuem pädagogischem Reformgeist zu bilden und zu fördern und dazu 50 000 Lehrkräfte von den russischen wieder zu den deutschen und europäischen Quellen des Geistes zu bringen!

Machen wir uns keine Illusionen –: Nach acht Jahren kommunistischer Unterrichtsarbeit gibt es viele, viele Kinder, die in der Schule vom Christentum noch nichts gehört haben. Welch eine verarmte, entseelte Schule müssen wir übernehmen, und wie bergehoch sind die Schwierigkeiten für jede Lehrkraft, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Gerade hier liegt sicher aber die stärkste Bewährungsprobe dafür, ob der Geist des Westens dem heutigen des Ostens überlegen ist. Wir werden uns ständig daran erinnern müssen, daß nach so langer Diktaturzeit wichtiger noch als das Wissen die "Herzenskräfte der Menschlichkeit" auszubilden ist. Der Schweizer Volksbildner Dr. Zbinden hat dies so ausgedrückt: "Kein Wissen ohne Gewissen, kein Können ohne Erkennen, keine Wendigkeit des Intellekts ohne Anständigkeit des Herzens, keine äußeren Fertigkeiten ohne innere Festigkeit." Und der ewig zeitgemäße Pestalozzi sagte: "Lasset uns Menschen werden, damit wir Bürger, damit wir Staaten werden können."

Man bewahre uns um’s Himmels willen vor einer neuen "Entnazifizierung mit anderen Vorzeichen"! Diesmal werden uns nicht alliierte Sieger mit ihren Fragebogen gegenüberstehen, sondern Deutsche stehen Deutschen gegenüber. "Zutrauen veredelt", sagte Freiherr vom Stein. Und wer will sich eine Richterrolle anmaßen? Wer ist sicher, ob er unter dem gleichen Existenzdruck nicht ähnlich hätte handeln müssen? Je leichter wir dem Lehrer der Sowjetzone den Übergang zu einer freien Schule des Westens machen, um so schneller wird diese Schule den Anschluß finden. Daß man freilich eine Reihe untragbarer Existenzen in führenden Stellungen ausschalten muß, mag selbstverständlich sein.