Von Walter Abendroth

Keine geistige Erscheinung des achtzehnten Jahrhunderts hat die Welt so sehr in Bewegung gebracht wie Voltaire. Noch die ganzen hundert Jahre nach seinem Tode hallten wider von seinem Ruhm, und kein bemerkenswerter Denker dieses Säkulums ist unberührt an ihm vorübergegangen. Seither allerdings, nachdem seine Grundgedanken Realitäten geschaffen hatten, die sich je länger desto mehr nicht weniger – nur anders – fragwürdig erwiesen als die früheren, die sie geholfen hatten zu stürzen, ist seine Größe weitgehend zu den relativen Werten eingegangen. Was übrigblieb, ist: der glänzende Schriftsteller, der Meister des Esprit, des Bonmots, des diplomatischen Schliffs und der Prediger der Toleranz wie der Ächtung jeder Gewalt. Diese letzte Eigenschaft macht ihn zwar in neuester Zeit wiederum zu einer aktuellen Figur; doch kann man fragen, ob heute eine menschliche Haltung, wie sie in diesem Beispiel zutage tritt, noch ausreichen mag, solchem Predigertum verpflichtende Autorität zu geben.

Es ist ohne Frage ein bedeutendes Verdienst des Port-Verlages, Stuttgart, die erste deutsche Ausgabe der gehaltvollsten Briefe Voltaires (ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Hermann Missenharter, 400 S., Leinen, DM 16,80) vorzulegen. Der deutsche Leser bekommt dadurch die Möglichkeit, sich eine von Vorurteilen unbestochene Vorstellung von dem geistigen und menschlichen Persönlichkeitsbild des – trotz seiner immensen Tiefen- und Breitenwirkung – doch stets umstrittenen philosophischen Urhebers des Zeitalters der "Aufklärung" zu machen. Und dieses Bild ist, was gerade die eigentliche "menschliche" Seite betrifft – um das gleich auszusprechen – nicht ganz so herzerhebend wie der Herausgeber (Verfasser auch einer im gleichen Verlage erschienenen Voltaire-Biographie) nachzuweisen sich angelegen sein läßt. Hier eben, in diesem Punkte, machen sich die inzwischen wesentlich veränderten Aspekte geltend. Die Gestalt eines unerschrockenen Kämpfen für Wahrheit und Humanität müßte sich heute, nach bestimmten, äußerst realistischen Erfahrungen, die wir hinter uns haben, in manchen Zügen recht viel anders darbieten, sollten wir sie rückhaltlos bewundern können.

Selbstverständlich bestätigen diese – zumeist an hervorragende Zeitgenossen gerichteten – Briefe im ganzen wie im einzelnen den überaus gescheiten, den zweifellos genialen Kopf, den blitzenden Verstand, den intellektuellen Elan des Schreibers. Nicht nur das – auch ein gütiges Herz leuchtet gar nicht so selten durch die Hüllen des Witzes oder auch der Empörung hindurch, und daran erkennt man wie durchaus echt, wie elementar der revolutionäre Impuls seines Denkens war. Daß dies nämlich nicht immer und unbedingt glaubhaft erscheint, daß vielmehr bisweilen der Verdacht auftauchen könnte, es liege von Fall zu Fall mehr jene generelle Aggressivität des Genies gegen die Übermacht der jederzeit herrschenden Mediokritäten vor, eine Aggressivität, die dem Affekt, vielleicht auch der getränkten Eitelkeit entspringt, nicht so sehr der begründeten, durchdachten Überzeugung – daß dieser Verdacht gelegentlich möglich ist, dazu trägt mancher Brief der Sammlung bei. Denn die Elogen, Huldigungen und Ergebenheitsbekundungen, die Voltaire vor eben denselben Instanzen und Personen niederlegt, die er mit seiner Feder oder seiner Zunge vernichten möchte, klingen genau so ehrlich, sind genau so hinreißend formuliert wie die entsprechenden Attacken. Der Kommentator meint, den Eindruck dieser erstaunlich, weit getriebenen Doppelzüngigkeit – die bis zur hartnäckigen Leugnung seiner Autorschaft an anonymen oder Pseudonymen Schriften seiner Hand geht – damit entkräften zu können, daß er auf die Gefahren hinweist, denen sich damals aussetzte, wer den Mächten der Zeit entgegentrat. Allein gerade an diesem Argument aufgehängt, schwankt das Charakterbild, Ton unseren heutigen Begriffen her gesehen, sehr bedenklich im Winde der garenden Epoche. Wieviel Elend hat nicht in unseren Tagen der Mangel an Mut zum vollen und ganzen Einstehen für die eigene bessere Meinung über die Menschen gebracht; wieviel Elend, wie furchtbares Sterben gar wurde andererseits erduldet von solchen, die jenen Mut hatten, ungeachtet unmittelbarer Bedrohung an Leib und Leben! Hier eben scheiden sich die Zeiten und ihre Wertungen. Das bloße gewagte Spiel – das aber doch nichts als ein Spiel bleibt, indem die Folgen durch geschickte Volten – nein, durch klare Akte faustdicker Verlogenheit jeweils beizeiten abgebogen werden, kann uns so außerordentlich nicht mehr imponieren.

Ein anderes kommt noch hinzu. Es lag im Wesen jener Epoche, insbesondere aber im Wesen des geistigen Typus, dem Voltaire angehört hat, daß – von einigen Ausnahmen abgesehen – Erkenntnis um der Erkenntnis willen genug war. Erst die Adepten dachten dabei im Ernst an praktische, ins Große gehende Konsequenzen. Das freilich konnte wohl damals noch niemand vermuten, daß die angewandte Toleranz am Ende in die Gleichgültigkeit aller Dinge, angewandte Humanitätsideale in die Gleichgültigkeit aller menschlichen Existenz auslaufen könnten (im vollen Doppelsinn, den das deutsche Wort Gleichgültigkeit hat), also jedes Ideal in sein ursprüngliches vollkommenes Gegenteil. Oder sollten jene "Philosophen" schon so subtile Psychologen gewesen sein, daß sie diese Möglichkeit einkalkulierten und gerade darum zu ihrer faktischen Zwielichtigkeit kamen?

Es ist sehr aufschlußreich, daß auf diese Frage eine besonders scharfe Beleuchtung fällt in den Briefen, die von Voltaires Verhältnis zu Friedrich dem Großen, dem anderen großen Weltbeweger seiner Zeit, handeln. Hier sehen wir tiefe Bestürzung bei dem Manne, der sich in der Gestalt des Preußenkönigs seinem eigenen Zerrspiegelbilde gegenübergestellt findet. Auch Friedrich war die vollendete Inkarnation jener Doppeldeutigkeit: der Antimachiavellist, der machiavellisch regierte; der Monarch, der die Autoritäten stürzen half, auf denen die Legitimation der Monarchie beruht; der Atheist, der in besonderen Augenblicken doch seinen Privatgott bemühte; der Spötter über die Kirche, der den Jesuitenorden protegierte; der Pazifist, der auf Kriegsruhm auszog, und der Humanitätsapostel, für den die Menschen seines Landes nur Bestandteile der Staatsmaschine waren.

Die interessantesten Briefe über Voltaires Potsdamer Zeit sind an seine Verwandte Madame Denis gerichtet. Sie schlagen sehr bald einen bitteren Ton an, beginnend damit, daß Voltaire sich selbst verspottet, den König einen Philosophen auf dem Thron genannt zu haben. Dann heißt es (28. Oktober 1750): "Manches gibt zu denken. So habe ich einen rührenden, pathetischen, ja geradezu christlichen Brief zu lesen bekommen, den der König an Darget über den Tod von dessen Frau geschrieben hatte; ich erfuhr aber auch, daß Seine Majestät am gleichen Tag ein Spottgedicht auf die Verstorbene verfaßt habe. Wir sind hier drei oder vier Ausländer, die wie Mönche in einer Abtei leben. Wolle Gott, daß der Abt des Klosters sich damit begnügt, über uns zu spotten!" – Am 15. Oktober 1752: "Die deutschen Journalisten, die es nicht für möglich halten, daß ein Monarch, der Schlachten gewonnen hat, solch ein opus" (gemeint ist Friedrichs Streitschrift gegen Professor König) "in die Welt setzen könnte, haben es freimütig als das bezeichnet, was es ist, nämlich die Stilübung eines Schülers, der von der ganzen Streitfrage nicht das geringste versteht. Inzwischen ist die Schrift in Berlin nochmals gedruckt worden, mit dem preußischen Adler, der Krone und dem Zepter auf dem Titelblatt. Adler, Krone und Zepter waren sehr erstaunt, sich hier zu befinden. Jedermann zuckt mit den Achseln, schlägt den Blick nieder und wagt nichts zu sagen. Die Wahrheit flieht von ihrem Thron, sobald ein König zu Schriftstellern beginnt. Buhlerinnen, Könige und Dichter sind gewohnt, daß man ihnen schmeichelt; Friedrich ist alles das zusammen in einer Person. Diesen dreifachen Wall der Eigenliebe zu durchbrechen, wird der Wahrheit nie gelingen."