Die Minute des Negers wird dem Leser einige Stunden kosten und selbst dann wird er nicht sicher sein, ob er Wolfgang Weyrauchs (bei Rowohlt, Hamburg) neu erschienenes Lehrgedicht wirklich im Sinne des Autors verstanden hat. Tatsächlich denkt Weyrauch zuviel in des armen Negers letzte Minute hinein, als ob dieser nicht Briefträger und Meisterläufer, sondern Weyrauch wäre. Da hat der frühe Werfel Pate gestanden: "Mein einziger Wunsch ist dir, o Mensch, verwandt zu sein! Bist du Neger, Akrobat...", aber auch Rousseau trägt späte, nicht ganz appetitliche Früchte. Denn "zurück zur Natur" ist auch hier der Dinge Lauf. Das Flugzeug, das den Neger-Briefträger-Meisterläufer zur Olympiade bringen soll, wird binnen einer Minute am Mount Whitnay zerschellen und den armen Joe zerschmettern, dividieren, dem Stein einverleiben. So kann der Stein – mit ein wenig Phantasie wird der Leser gern folgen – des Negers Part übernehmen und sagen und singen, was dem Dichter zu singen und sagen noch übrig zu sein scheint.

Es singt und sagt also erst der Weyrauch-Neger, dann der Weyrauch-Stein. Was dem da durch den Kopf geht in einer Minute, und dem Stein in einer halben, wenn er einen Kopf hätte: Fünf Schrecksekunden mit Urinstinkten triebhaft und Fluch dem Piloten. Dann gleich Atombombe und erstes Denkenken an Frau und Olympiade. Ganze 40 Sekunden für Gespräch mit Albatrossen über die Atombombe, Lehrgespräch. Restsekunden für Josephine: Ehelicher Disput mit Einlage über antitotalitären Widerstand. Folgt Tod und Ausgießung des Geistes in die Lüneburger Heide, nach Kopenhagen, Paris, New Orleans, Indochina, Malaga, Yokohama, Palermo, Sydney, Tennessee, Liverpool. Stein singt, wispert, warnt, singt mit voller Stimme zu den 25 Buchstaben (von Aprikosen bis Zelluloiden). Folgen sieben Fragen, die tönen tönen tönen durch die durch die durch die Lautlosigkeit Lautlosigkeit Lautlosigkeit, Anfang wie Schluß (fettgedruckt): ha he hoo / ja je jo.

Daß er nicht enden kann, macht den Wortzauber, den Weyrauch aus negroidem Folklore anfangs gewinnt, so schlecht haltbar. Weil diese Ballade gesprochen zu werden verlangt, weil man sie laut lesen muß, hört man jede Stelle, an der der Zauber versagt, der Rhythmus nicht mehr trägt, jedes plötzliche Absacken. Die Magie des Wortes, bewirkt durch das einfache Mittel der Wortwiederholung, der Satzwiederholung, der Umklammerung selbst größerer Passagen durch Wort- oder Satzwiederholung, die magische Formel wird so zur flachen, bisweilen unausstehlichen Prosa. Oskar Jancke