Es wäre nicht übel, wenn zu der Bockwurst der HO uns noch ein Blümlein blühte. Halb rosenrot – halb veilchenblau, so recht was fürs Gemüte." So steht es "statt eines Leitartikels" im Vorspruch eines neuen Magazins zu lesen, das die Zeitungshändler der Sowjetzone seit dem 1. Januar verkaufen dürfen. Die Männer an den Kiosken sind froh, die dürre Plantage ihrer Einheitsüberschriften durch einen munteren Farbfleck auflockern zu können, und die Ostberliner, Dresdener und Magdeburger werden gern eine Ostmark zahlen, wenn sie dafür in dem ersten und einzigen Magazin der "DDR" einmal keine Politik, sondern wirklich nur etwas zur Entspannung mit "Liebe, Abenteuer und Humor" finden – wie es in den Ankündigungen versprochen wurde.

Der erste Blick in das dünne Heft scheint diese Hoffnung zu bestätigen. Mit seinem bunten harmlos-fröhlichen Titelbild präsentiert es sich annähernd in der üblichen Magazinart. Einige ganzseitige Fotos dienen als Blickfang –: zwei Schneelandschaften, ein paar lachende Mädchengesichter und als Sensation, bisher unerhört für die Ostpresse, sogar ein weiblicher Akt, nein, ein Viertelakt hinter einer Milchglasscheibe. Sodann gibt es Ratschläge für Kosmetik, einige Empfehlungen, was die Hausfraudank dem "Neuen Kurs" auf den Tisch setzensoll, wenn "mein Mann einen Gast mitbringt", Schließlich findet man noch eine amouröse Novelle im Reifrockstil.

Die sonst gewohnte, dick aufgetragene politische Polemik bleibt tatsächlich auf drei Seiten beschränkt. Sie zeigen: ein Foto von "Konrad Adenauer, Oberbefehlshaber des Bonner Barras"; der Bundeskanzler hält ein Schaf an der Leine –: "das deutsche Volk". Auf der Nebenseite erscheint "Adolf Heusinger, Generaloberst, zur Zeit in Zivil", darunter einige sinnige Verse über "Konrad und Adolf". Die dritte offensichtlich politische Seite ist eine Bilderfolge nach Art der Comics über die Abenteuer des Indianerhäuptlings Geierkralle, der von dem mißgünstigen Häuptlingskollegen Conny wegen "unamerikanischer Umtriebe" bei dem "Jäger Mr. Meck Carci" angezeigt wird.

Soweit ist alles klar. Aber die übrigen Beiträge muß man etwas genauer studieren, um die Steuerung zu erkennen. Eine Mordgeschichte aus dem Jahre 1924 wird zum Anlaß, um auf die "kastenmäßige Verbohrtheit und geistige Muffigkeit des deutschen Bürgertums" hinzuweisen. Und einen Artikel über die Volksbühne ziert die Anmerkung, daß in Westdeutschland "der. Mensch eine Ware" sei.

Ganz ohne verborgene Spitzen scheint dagegen zu sein, was eine Mitarbeiterin über die modischeLinie sagt. Dabei ist gerade dieser Modebericht, der die Versprechungen des "Neuen Kurses", als Tatsache ausgibt, ein treffliches Beispiel für die politischen Absichten des Blattes. Denn hier wird über "die schmal angelegte Silhouette" und über die "Aufsehen erregenden pastellfarbenen Popelinegewebe" in einer Weise gesprochen, als ob es tatsächlich in der Sowjetzone eine freie Wahl für modische Kleidung gäbe; als ob nicht ständig in den Leserbriefen der sowjetzonalen Zeitsingen über das qualitativ und quantitativ völlig unzureichende Sortiment geklagt würde: "Das einzige, was uns HO- und Konsumgeschäfte anboten, waren zwei sackartige Gebilde, die mit Röcken nur das Hineinschlüpfen gemeinsam haben." Oder: "Schwarze Schuhe? Haben wir nicht. Nehmen Sie doch braune. Die sind auch sehr hübsch und kosten 126 Mark."

Solche Stimmen aus dem Alltag passen schlecht zu dem "rosenroten Blümlein fürs Gemüte". Denn ebenso wie die flottere Tanzmusik, die der Sowjetzonenfunk neuerdings bringt, und wie das (nachgemachte) Zahlenlotto, das – nach Ansicht der "Täglichen Rundschau" – im Westen zur Kriegs-Vorbereitung beiträgt, in der DDR aber zum friedlichen Aufbau, soll "Das Magazin" dem alten "Neuen Kurs" auf seine Weise dienen: mit betontem Optimismus, der die versteckte Agitation nicht ausschließt.

Aber die Realitäten bleiben hinter der rosenroten Ansteckblüte so grau, wie sie immer waren.