Prinz Bernhard der Niederlande weilte kürzlich zu Besuch beim äthiopischen Kaiser Halle Selassie in Addis Abeba. Dabei wurde die Frage erörtert, ob nicht die "repatriierten" indischen Kolonial-Holländer im Reiche des Negus angesiedelt werden könnten. Aber die 14 000 farbigen Ambonesen in Holland wollen sich einer solchen Umsiedlung mit allen Mitteln widersetzen.

Die holländische Winterluft ist kalt und feucht, die Holländer schlagen den Mantelkragen hoch. Aber für die Insassen des Lagers Westerbork bedeutet auch das keinen Schutz gegen die Kälte. Tausende von Kilometern wurden sie aus Indonesien mit seinem subtropischen Klima in das rauhe Holland verschleppt. Westerbork, Vossenberg bei Holland Rolde, Beilen oder die anderen der 54 Auffanglager sind ihr neues Domizil, in dem die farbigen Kolonialsoldaten eine neue "Heimat" finden sollen, einem Gesetz zufolge, das sie nicht verstehen. Über 24 Monate sind sie nun Bürger Hollands, aber sie fühlen sich heute noch als Soldaten, trotz der auf Zivil umgeschneiderten amerikanischen Uniformstücke.

Als Indonesien selbständig wurde, begann die Tragödie der 14 000 Farbigen aus Ambon, einer Insel im Malaiischen Archipel, in unmittelbarer Nachbarschaft Javas. Bis dahin hatten sie – Generationen hindurch – die Kolonialpolitik der Niederlande verteidigt. Der Abzug der Holländer aus Indonesien zwang sie, ihre Heimat zu verlassen, da sie die indonesische Regierung nicht anerkennen und weiterhin unter der Fahne der Königin kämpfen wollten. Holland aber mußte sich an die Verträge mit der jungen indonesischen Republik halten und die Armee auflösen. Ein Gerichtserlaß regelte das Asylrecht der Farbigen im holländischen Mutterland. Man verfrachtete die Soldaten und ihre Angehörigen auf Truppentransporter nach Amsterdam. Dort wurden sie demobilisiert und erhielten den Status von holländischen Bürgern.

Wenn man sich mit diesen "Soldaten" unterhält, dann merkt man, daß sie den Versuch einer Akklimatisation längst aufgegeben haben. Sie sind mit ihren Lagern eine Enklave in den Niederlanden geblieben. Die verschiedenen Erwachsenenschulen, die man errichtet hat, um den Ambonesen handwerkliche Fertigkeiten beizubringen, bleiben Versuche, weil das Interesse der Schüler nur militärischen Dingen gilt. Vor den Einheimischen haben sie eine gewisse Scheu. Am besten verstehen sie sich noch mit den holländischen Geistlichen; sie sind fast alle Christen und hören auf Namen wie Jan, Pit, Josef, Elisabeth oder Maria.

Am zutraulichsten sind ihre Kinder – kleine, braune Geschöpfe mit kohlrabenschwarzem Haar und großen Augen. Man findet sie überall, in den schlecht eingerichteten Kantinen unter den Billards, an denen die Männer Stunde um Stunde ihre Spieltechnik üben, in der Küche, in der ein riesengroßer Ambonese mit einem Turban um den Kopf Reisgerichte für die Lagerinsassen kocht.

Die Väter können stundenlang debattieren oder sich mit "Dame" und malaiischen Steinspielen beschäftigen. Die Langeweile dominiert, der Tag beginnt erst um 10 Uhr und endet schon nachmittags um fünf. Die Allerwenigsten haben Arbeit gefunden. Warten ... warten – warten ... auf ein Ziel, das ihnen klar vorschwebt: die Rückkehr nach Ambon, in ihr Land. Aber das ist vorläufig nichts als eine Utopie. Der Vorsitzende eines Lagers, ein Sergeant, sagt uns: "Wir lassen uns auf keinen Fall umsiedeln. Lieber sterben wir hier... Das Klima ist kalt, aber noch kälter sind wir gegen jeden, der uns die Rückkehr in ein freies Ambon verwehren will!"

Das ist auch die Meinung der offiziellen Vertreter der Exilambonesen in Den Haag bei der holländischen Regierung. Sie stehen in erbittertem Kampf um eine Aufbesserung der finanziellen Lage der ehemaligen Soldaten. Jeder der Lagerinsassen bekommt ohne Rücksicht auf seinen ehemaligen Dienstgrad bei freier Verpflegung und Barackenunterkunft drei Gulden je Woche (etwa 3,50 DM), das ist nicht viel. Die Ambonesen sagen, daß sie – die fast alle über 15 Jahre aktiv in der hollindischen Kolonialarmee Berufssoldaten waren – die gleichen Pensionsansprüche hatten wie die Holländer, die in der gleichen Armee Dienst taten.