Wir hörten:

Das "Gesetz der Serie", das im Leben eine so große Rolle spielt, bemächtigt sich bisweilen auch der Funkprogramme. So wurden in der vergangenen Woche die Hörspielhörer (die beständigste und sensibelste Kategorie aller Hörer) mit Literatur geradezu überflutet. Thomas Mann, Franz Kafka, Friedrich Hebbel als mehr oder weniger direkte Hörspielautoren – das kommt nicht alle sieben Tage vor! Der Kenner der Dichtung mag solche Umformungen überflüssig finden. Aber sind die Millionen Hörspielhörer alle Kenner der Dichtung?

Den meisten wird das Hören das Lesen ersetzen – es sei denn, wie er im Falle von Thomas Manns "Königliche Hoheit", daß der Film sich noch einschaltet. Aber die acht Einzelhörspiele nach Thomas Manns Novelle "Königliche Hoheit", die Walter Franke-Ruta aus jenem durch die Monarchen-Konjunktur so schnell wieder popularisierbar gewordenen "modernen Märchen" von 1906 herausgearbeitet hat, sind doch (nach dem ersten Abend zu schließen) recht viel feiner und ironischer gesponnen als der notgedrungen vergröbernde Film (Fortsetzung der Sendefolge: allmontäglich um 21 Uhr im Südwestfunk). Bei, Kafkas "Schloß" war die Dramatisierung der "Verfunkung" vorangegangen, die Gert Westphal mit kühner, aber durchaus sinngemäßer Straffung vorgenommen hatte (Gemeinschaftsproduktion Südwestfunk und Radio Bremen). Es ergab sich, daß die Wirkung am Lautsprecher kräftiger ist als von der Bühne herab; Josef K.’s Kampf mit dem Tintenfisch der Gewalten bedarf der optischen Nachhilfe nicht, verlangt vielmehr die intensive, pausenlos drohende Spannung, die ihm Westphals Bearbeitungs-, Regie- und Sprechkunst zuteil werden ließ. Das dritte Ereignis: Hebbels "Nibelungen" als Doppelhörspiel, ohne Umarbeitung, nur mit gelinden Strichen. Der Dramaturg und Regisseur Wilhelm Semmelroth hatte sein Unternehmen plausibel begründet: Das Theater, sagte er, lenke mit seinem Zwang zur Anschauung bei Hebbel nur vom Wesentlichen ab, das im Wort liegt; darum sei der Funk die einzig gemäße Bühne für das Werk. Aber wenn ein Drama kein Sehdrama ist, kann es dann ein Hördrama sein? Die Probe aufs Exempel (im NWDR Köln mit einer so außerordentlichen Darstellerin wie Maria Becker als Kriemhild) widerlegte sowohl Hebbel als Semmelroth: das groß gedachte, geistreiche Werk ist ein Lesedrama. Der Hörer empfindet noch peinlicher als der Zuschauer den Abgrund zwischen der mythischen Fabel und der geschichtsphilosophischen Konstruktion Hebbels – denn dieser Bruch kommt ja gerade in der Sprache der halb mythischen, halb modern-psychologisch gesehenen Figuren zum Vorschein. Der Hörer weiß nie, in welcher Dimension er sich befindet. Statt an dramatischer Erschütterung nimmt er an einer Lektion über Literatur teil. Kurz: ein Begräbnis erster Klasse.

Wir werden hören:

Donnerstag, 14. Januar, 22.30 aus Stuttgart:

In Deutschland weniger bekannt, aber für die Kunst Westeuropas im 20. Jahrhundert nicht weniger wichtig als der Pole Jozef Korszanowsky, der unter dem Namen Joseph Conrad seine großen englischen Romane schrieb, ist der andere Pole Wilhelm Kostrowitzky, der als Guillaume Apollinaire die französische Dichtung so revolutionierte wie Picasso die Malerei. Auch er war ein Entdecker verborgener Kräfte des Bewußtseins – und der erste, der von seiner Dichtung das Wort "Surrealismus" gebrauchte. Von ihm, der 1918 starb, gibt der Dichter und Übersetzer Friedrich Hagen ein Porträt seines Schicksals. 23.15 vom NWDR: Wieviel ist beim Komponisten Eingebung, wieviel Konstruktion? Daß beides beim musikalischen Kunstwerk zusammenwirken muß, zeigt Josef Rufer an Beispielen von Bach Mozart, Beethoven, Brahms, Schönberg und Blacher.

21.00 vom SWF: Ludwig Thomas "Lausbubengeschichten" werden immer noch mit Begeisterung gelesen, aber die großartige Figur ihres Erfinders sollte nicht verblassen. Erich Fortner stellt aus Tagebüchern, Briefen und Werkproben ein Bild der Persönlichkeit des bayrischen Humoristen und Satirikers zusammen, der auch ein Tragiker war.