Hendrik de Man war der Cicero des Sozialismus: als Rhetor und Autor bedeutend, als Politiker frei vom Cäsarenwahn mancher Marxisten. Aber Cicero galt immer als Opportunist; sogar der wohlwollende Johann Gottfried Seume schrieb im "Spaziergang nach Syrakus": "Das Ende – der ehrwürdigste Moment in Ciceros Leben; der einzige vielleicht, wo er wirklich ganz rein als selbständiger Mann gehandelt hat." Auch Hendrik de Man gilt als Opportunist; seine Gegner möchten allenfalls in seinem mutigen Anfang mit dem Sozialismus einen Moment "ganz reinen" Handelns sehen: als er, der sechzehnjährige Sohn guter Antwerpener Bürger, den Victor Hugos "Les Miserables" erschüttert hatte, kurz entschlossen mit dem Bürgertum brach. Und von de Mans Ende sagen viele: wie der Römer trotz allem Cäsar geschmeichelt, so habe der Belgier trotz allem mit Hitler paktiert.

Vielleicht gehört es zum Wesen manches sehr Klugen und sehr Begabten, Opportunist zu sein oder – da man Toten nichts Böses mehr nachsagen soll – als Opportunist zu erscheinen. Vielleicht... bei Hendrik de Man jedenfalls läßt sich wohl nur sehr schwer entscheiden, ob er stets mit dem Strom oder stets gegen den Strom geschwommen ist. Was war es, als er 1922 die belgische Arbeiterpartei verließ und einen Lehrstuhl in Frankfurt annahm: ein Nachgeben an den ideologischen Sog, der schon viele intellektuelle Sozialisten von der unbequemen praktischen Arbeit abgezogen hat, oder der Mut, Neues zu sagen? Was wollte de Man mit seinen großen theoretischen Schriften in der Mitte der zwanziger Jahre, mit der "Psychologie des Sozialismus" etwa: den noch einflußreichen Marxisten absagen oder den schon damals sich abzeichnenden anti-marxistischen Mächten im eigenen Lager schmeicheln?

Immer stand Hendrik de Man in diesem Brennpunkt von Lob und Tadel. 1933 kehrte er nach Belgien zurück, wurde Führer des "Parti ouvrier beige" und legte als Arbeitsminister einen "Plan du travail", einen Plan zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit vor. Da sagten die einen: Aha, er paßt sich schon den Deutschen an; und die anderen sagten: Welch ein Mut, die starken Gewerkschaften so herauszufordern. Und nach dem zwielichtigen Intermezzo von 1940, als de Man König Leopold zur Kapitulation bewogen und kurze Zeit mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet hatte, sprach nur noch die eine Partei und verurteilte den inzwischen geflüchteten Sozialisten wegen Kollaboration, also wegen einer besonderen und besonders schlimmen Art von Opportunismus, zu zwanzig Jahren Zuchthaus.

Hendrik de Man schwieg nicht. Er schrieb seine Memoiren für französisch Lesende und nannte sie "Cavalier seul"; er faßte sie jetzt neu – sozusagen in usum Delphini Teutonici – und nannte sie Gegen den Strom – Memoiren eines europäischen Sozialisten (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 296 Seiten, 12,50 DM). Wie sehr er sich "gegen den Strom" fühlt, zeigt der Satz: "Soviel meine ich jedenfalls mit gutem Gewissen sagen zu können: Meine Kritiker, die behaupten, ich hätte die meisten meiner Mißerfolge meinem ‚Mangel an Geschmeidigkeit‘ und meiner ‚Abneigung gegen Kompromisse‘ zuzuschreiben, haben höchstwahrscheinlich recht."

Kurz vor Weihnachten sind die Memoiren eines anderen "Linken", des ehemaligen Kommunisten Arthur Koestler, erschienen. Den "beispiellosen Freimut", den Koestler, als er in Francos Gefängnissen war, für seine Autobiographie gelobt hatte, glaubt man jedenfalls auch bei de Man zu finden: "Da ich Leopolds Grundhaltung von vornherein für die einzig richtige hielt, zögerte ich auch keinen Augenblick, die Konsequenzen der damit verbundenen politischen Mitverantwortung auf mich zu nehmen. So schwer diese Konsequenzen seither auch waren, ich habe diesen Entschluß noch keinen Augenblick bereut. Es gibt wenige Abschnitte in meinem Leben, auf die ich mit einer so ungetrübten inneren Befriedigung zurückblicke wie auf jene Tage." Und: "Der Nationalsozialismus hatte ein doppeltes Gesicht – der Name selber verriet es."

Die Sozialisten werden "das zweite Gesicht" Hitlers – das angeblich sozialistische – nicht bei sich suchen wollen, sicher mit Recht. Und sie werden diesen zuletzt zitierten Satz de Mans für besonders beklagenswert falsch halten, auch darin werden ihnen die meisten recht geben. Und es mag viele Standpunkte geben, von denen aus es nur recht und billig ist, Hendrik de Man zu verdammen. Doch –: Gibt es einen Grund, aus dem man ihn nicht lesen und aus ihm lernen sollte? Der 6. September 1953 hat die Frage nur noch interessanter gemacht, warum ein Sozialist, der sich – gute fünfzig Jahre bis zu seinem Tod – als Sozialist fühlte und bezeichnete, sich doch nicht mehr als Sozialist benahm; warum er, vor einem Vierteljahrhundert noch einer der großen Theoretiker seiner Partei, in den letzten Schriften (wie "Vermassung und Kulturverfall") fast wie ein Konservativer sprechen muß, wenn er seine Zeit diagnostiziert.

Ob "gegen den Strom" oder "mit dem Strom", das wird nur de Man selber gewußt haben, aber sein Leser kann entscheiden, ob er gegen sich selber stand, ob er sich innerlich verloren hatte. Cicero schrieb in einem Brief an seinen Freund Atticus: "Nun, nicht einmal lesen können jene heiteren Herren, die mich bemäkeln, so viel wie ich schreibe! Wieviel es taugt, tut nichts zur Sache, aber die Art des Schreibens ist so, daß kein Mensch es zu leisten vermöchte, wenn er sich innerlich verloren hätte."

Eberhard P. Michalek