I. Asiaten als Wehrfischer – Noch immer deutsche Facharbeiter in Königsberg – Rote Siedler zogen wieder ab – Ein Bericht aus unseren Ostgebieten

Ostpreußen, das Land des Deutschen Ritterordens, das Land der Seen, Wälder und Dünen, der Weiden und fruchtbaren Ackerflächen, wurde 1945 von den östlichen Kriegsgegnern annektiert. Den nördlichen, 13 502,37 Quadratkilometer großen Teil – mit Königsberg als Hauptstadt –, nahm sich die Sowjetunion. Den größeren südlichen Teil von 23 489,40 Quadratkilometern erhielt die Volksrepublik Polen als Entschädigung für die östlichen polnischen Woiwodschaften, die 1939 von der Roten Armee okkupiert wurden. Bald darauf rasselte der Eiserne Vorhang herunter. Seit dieser Zeit sind Hunderttausende von Menschen, die damals mit den Trecks, auf den Schiffen der Kriegsmarine oder als Angehörige der Wehrmacht der großen Katastrophe entronnen sind, auf die dürftigsten, unzuverlässigsten und widerspruchsvollsten Nachrichten aus ihrer alten Heimat angewiesen gewesen. Diese sorgenvolle Ungewißheit wird geteilt von den Millionen Deutschen, denen das Schicksal dieser einstmals blühenden Provinz am Herzen liegt, weil sie das Land kennen und lieben oder einfach, weil es ein deutsches Land ist Nur langsam, sicherten im Laufe der Jahre authentische Berichte durch. Wir geben unseren Lesern im folgenden Fortsetzungsbericht eine aus vielen wichtigen Details zusammengesetzte Darstellung, die sich auf glaubwürdige Aussagen von Heimkehrern, Geflüchteten, Ausgewiesenen und desertierten Rotarmisten stützt und die ergänzt wurde durch das sorgfältige Studium der polnischen und sowjetischen Presse der letzten Jahre, soweit sie zur Verfügung stand. Wir beginnen mit einer Schilderung der Zustände im sowjetisch besetzten Nordteil der Provinz.

Über das nördliche Ostpreußen gibt eine sowjetische Karte von der politischen Struktur des Landes einigen Aufschluß, die im August 1953 herausgegeben wurde. Auf ihr wird das nördliche Gebiet, ausschließlich der Landkreise von Memel, als "Republik Kaliningrad" bezeichnet. Auf der Karte befindet sich kein Hinweis, daß das nördliche Ostpreußen der Litauischen Sowjetrepublik angegliedert werden soll, wie in letzter Zeit verschiedentlich behauptet wurde. Unklarheiten bestehen ebenfalls über die Bevölkerungszahlen. Hörte man Jahre hindurch, daß hier nur noch wenige hundert Deutsche leben, so wurde neuerdings von 440 000 Deutschen im nördlichen Ostpreußen gesprochen. Das eine wie das andere ist unrichtig. Nach dem Ende der Kampfhandlungen im Jahre 1945 befanden sich im nördlichen Teil der Provinz, der heute zur UdSSR gehört, noch 135 000 Deutsche. Von ihnen wurden bis 1948 rund 40 000 nach dem Westen ausgesiedelt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren weitere 65 000 ins Innere der Sowjetunion deportiert worden oder gestorben. Es bleiben also etwa 30 000 deutsche Menschen, die nach wie vor in ihrer Heimat leben. Die meisten von ihnen überstanden die Nachkriegszeit nur ihrer litauisch klingenden Namen wegen. Hieß zum Beispiel jemand Mikuleit Brauchschies oder Krupschkat, so war es gut. Die Sowjets schlossen ganz einfach von den Namen auf die Volkszugehörigkeit.

Bis zu den ersten Pseudowahlen im Jahre 1950 wurden sie alle zu Sowjetbürgern gemacht und mit sowjetischen Ausweisen versehen. Außerdem leben im Land 1100 weitere deutsche Familien, etwa 4000 Personen. Ihre Ernährer sind wertvolle Facharbeiter, und auf diese wollen die Russen nicht vernichten. Im Gegensatz zu der Regelung im polnisch besetzten Teil Ostpreußens werden sie nicht als Staatenlose" bezeichnet, sondern offiziell als "deutsche Minderheitengruppe in Kaliningrad" geführt. Sie besitzen ebenfalls sowjetische Ausweise, da man ihnen zwar die deutsche Volkszugehörigkeit – aber nicht die deutsche Staatsangehörigkeit gelassen hat. So ist es auch zu verstehen, daß die Sowjets 1951 in Königsberg – heute heißt es Kaliningrad – erklärten, "es befänden sich gegenwärtig keine Personen deutscher Staatsangehörigkeit, in der Republik Kaliningrad". Von der Volkszugehörigkeit sprachen sie natürlich nicht.

Auf zwei Dinge hat der Kreml Nordostpreußen besonderen Wert gelegt: auf die Besiedelung mit Russen und auf den Ausbau einer militärischen Basis. Im Sommer 1945 wurde mit dem Ansetzen zentralrussischer Bauern begonnen. Die Tendenz ging von Anfang an dahin, möglichst viele Großrussen, Bauern aus dem europäischen Teil der Sowjetunion, anzusiedeln. Dazu kamen etwa dreißig Gruppen von asiatischen Russen, die in Stärke von je 1500 bis 2000 Personen vorwiegend an der Küste geschlossene Gemeinden zu bilden hatten. Diese bilden den Grundstock der Fischereikombinate und dienen als Schutzgürtel für die in der Nähe gelegenen militärischen Stationen. Die Asiaten, sofern sie Kommunisten sind, gelten als politisch äußerst zuverlässig. Deshalb liegen ihre Gemeinden wie eine schützende Zone vor den militärischen Anlagen, die dort errichtet werden. Alle ihre Dörfer besitzen eine straffe halbmilitärische Organisation, die ein unerlaubtes Betreten dieser Gebiete – unmöglich macht. Ohne Sonderausweis kommt niemand durch. Erst hinter diesen Gemeinden beginnt dann das eigentliche Sperrgebiet mit Posten, Streifen und MGB-Kommandos. Gleichzeitig erfüllen die nur im Kollektiv operierenden Boote dieser Fischer von der Seeseite her Abschirm- und Beobachtungsdienste.

Bis zum Frühjahr 1947 sind 390 000 Russen nach dem nördlichen Ostpreußen umgesiedelt worden. Das Soll lag bei 400 000 Personen, wurde aber nicht ganz erreicht. Im Herbst dieses Jahres befanden sich nur noch etwas über 300 000 Russen im Land, da über 80 000 auf eigenen Antrag in ihre Heimat zurückkehrten. Der vorgesehenen raschen Inbesitznahme des verwüsteten, entvölkerten Landes stellten sich nämlich große Hindernisse entgegen. So waren z. B. viele der Neusiedler als Landwirte so ungeeignet, daß man sie wieder ziehen ließ. Zudem blieb die Bewirtschaftung gleich in den Anfängen stecken, weil das Oberkommando der Roten Armee den Einsatz der Neusiedler zu militärischen Bauten forderte und durchsetzte. Zum Jahreswechsel 1947/1948 war daher die seltsame Lage entstanden, daß man wohl 300 000 Menschen für die wirtschaftliche Nutzung auf dem Papier, nicht aber in Wirklichkeit zur Verfügung hatte. Wenn auch die deutsche Bevölkerung in diesem Gebiet nach der Volkszählung im Jahre 1939 1 165 800 Personen betrug, so hätte man doch mit den neu ins Land gebrachten Siedlern etwas anfangen können; die Bevölkerungsdichte war immerhin schon wieder auf über 30 Einwohner je qkm – früher waren es 80 – gestiegen. Auf Grund der erwähnten militärischen Maßnahmen jedoch verkam das Land, bis es zu 90 Prozent brachlag. Im Laufe des Jahres 1948 wurde Nordostpreußen auch mehrfach von Kommissionen aus Moskau aufgesucht. Die regionalen Parteiorganisationen forderten, energisch die Ankurbelung der Landwirtschaft, der Fischerei und der Königsberger Industrie. Da die Armee sich aber außerstande erklärte, auf die Neusiedler als Arbeitskräfte zu verzichten, begann man Anfang 1949 damit, neue Transporte nach Ostpreußen zu schicken. Es gelang der Partei, von der Armee die Versicherung zu erhalten, diese Leute nicht wieder zu verpflichten. Man brachte also 150 000 Siedler in das Land, so daß sich bei den Wahlen 1950 folgendes Bild ergab:

310 000 Siedler der 1. Aktion