Durch den Artikel "Der Striese von Remscheid" in Nr. 51 des vorigen Jahrgangs, der ZEIT fühlte sich Intendant Wilhelm Michael Mund beleidigt. Wir veröffentlichen hier sein offenes Schreiben an den Autor, unseren Theaterreferenten Johannes Jacobi, der ihm den "Striese"-Titel verliehen hatte, und dessen Antwort dazu.

Immer wieder frage ich mich, wie es möglich ist, daß ein Mann Ihrer Art und Ihres Wissens, der sich sogar zur Zeit des totalitären Regimes in Berlin einen guten Namen machte, sich heute in der demokratischen Freiheit zu einem Artikler entwickeln konnte, der mit herabsetzenden Formulierungen und oft abenteuerlichen Kombinationen wohl mehr als einmal hart am Rande des Beleidigungsprozesses vorbeigeht. Es gab eine Zeit, wo ein Tadel von Ihnen wertvoller war als ein Lob von einem anderen, aber Ihre heutigen Eskapaden verwirren Ihr Bild immer mehr – selbst bei den wenigen Menschen, die Sie sich noch nicht zu Feinden machten.

Wenn Sie mich in der ZEIT mit dem zweifelhaften Ehrentitel "Striese von Remscheid" auszuzeichnen belieben, aber gleichzeitig mir eine gewisse Zukunft voraussagen, so setzt dies nur die Reihe Ihrer Angriffe fort, die Sie schon gegen den Gelsenkirchener Generalintendanten Meißner (jetzt Augsburg), den Intendanten Wedekind, Münster, und gegen den Kulturdezernenten Düsseldorfs gerichtet haben. Welcher Trieb reizt Sie nur immer wieder, sich selbst des Einflusses zu berauben, den Sie, bei rechtem Maßhalten, auf das deutsche Theater auszuüben befähigt sind?

Sie kennen, die Wichtigkeit des Einholens richtiger Informationen, denn Sie beteuern doch immer wieder, daß es Ihnen um Wahrheit und Gerechtigkeit gehe. Es ist aber mehr als ungerecht, meine in Cuxhaven und Remscheid geleistete ehrliche Arbeit mit Behauptungen zu diffamieren, die Sie nicht beweisen können, denn alles, was Sie mir an Positivem zuzubilligen wohl oder übel nicht umhin können, setzen Sie bewußt durch die beleidigende Äußerung "Striese" wieder herab. Weder habe ich gelernt, ein Auto zu reparieren (wenn ich damit Geld sparen könnte, um es einer Inszenierung oder den Gagen meiner Künstler zuzulegen, würde ich noch heute einen Schnellkursus in Autoschlosserei nehmen!), noch habe ich vor der Währungsreform Künstler mit Fischkonserven nach Cuxhaven gelockt, denn meine Aufbauarbeit begann dort erst nach dem Tage X (sie blüht und gedeiht auch heute noch dort!). Aus allen Ihnen zugegangenen Remscheider Jahresberichten konnten Sie entnehmen, daß ich auf Grund der Cuxhavener Arbeit nach Remscheid berufen wurde und vom ersten Tage an über städtische Zuschüsse verfügte. Allerdings habe ich mit den mir anvertrauten Steuergeldern zu wirtschaften verstanden und diese in jeder Saison um das Zweifache aus Eigeneinnahmen vermehrt. Da Sie sich bei der Berliner Dramaturgentagung gegen die Theatersubventionen ausgesprochen haben sollen, hätte Ihnen meine theaterwirtschaftliche Leistung eigentlich imponieren müssen, oder haben Sie von Gerechtigkeitden Begriff des Dorfrichters Adam – "jetzo und jetzo so" –?

Auch konnte Ihnen nicht verborgen bleiben, was hier in Remscheid künstlerisch an echter Erwachsenenbildung geleistet wurde. Vier Jahre habe ich das operettenfreudige Publikum einer ausgesprochenen Arbeiterstadt zu den Werten des Schauspiel: erzogen, aber Sie zogen es vor, zum Beispiel eine Remscheider Aufführung zu uns abträglichem Vergleich heranzuziehen, ohne diese überhaupt gesehen zu haben. Ein Verfahren, das journalistisch nicht gerade üblich ist. Die Wiederentdeckung von Frank Wedekind und Reinhard Goering, die werkgetreue Pflege der Klassiker bei den von mir erstmalig in Deutschland ins Leben gerufenen Rittersaalspielen auf Schloß Burg, mein konstruktives Bemühen um den deutschen Bühnenautor, um die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zum Ausland, nein Einsatz für das wertvolle Schul- und Jugendtheater in Mülheim, Duisburg, Düsseldorf, das Niveau meiner Theaterblätter, die Herausgabe einer von meiner Bühne finanzierten kleinen Anthologie "Lyrik der Gegenwart", der eine weitere graphische Sammlung "Ausdruck der Zeit" folgt; die vorbildlichen Ensembleleistungen meiner 33 von guten deutschen Bühnen kommenden Künstler, das große kritisch positive Presseecho meines Theaters und was der Werte mehr sind – all das ist Ihnen auch bekannt. Aber Sie glauben, es mit Ihrem Gewissen vereinbaren zu können, dies alles auf das Niveau des Striese herabzuziehen.

Ich kann mit Stolz darauf hinweisen, daß meine Remscheider Arbeit mit dem Neubau eines Theiters gekrönt wird, für den wir nicht nur vier Jahre unter großen Opfern, mit äußerstem Fleiß und Können ideell arbeiteten, sondern für den wir auch aus den Altersgroschen der Künstler den ersten Kredit in Höhe von 500 000 DM versdiaften, dem ein zweiter in der gleichen Höhe folgen soll. Halten Sie es für anständig, gerecht, richtig und fair, uns gerade in dem Augenblick in den Rücken zu fallen, wo einer sauberen Künstlergemeinschaft durch eine Art kultureller Geistesverwirrung, verbunden mit fasioneller Fallsucht, ein Kampf um die Erhaltung des Arbeitsplatzes und einer jungen avantgardistischen Bühne aufgezwungen wird? Ein Kampf, der von der gesamten deutschen Presse positiv unterstützt wird, und bei welchem sich die Gewichte schon wieder zu unseren Gunsten verlagern?

Mit verbindlichen Grüßen