bl, Hannover

Der Beschluß der westdeutschen Rektorenkonferenz, die Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshaven-Rüstersiel nicht in die Hochschulgemeinschaft aufzunehmen, weil ihr "institutioneller und wissenschaftlicher Aufbau nicht breit genug" sei, trifft die niedersächsische Landesregierung empfindlich. Kultusminister Voigt hat Wilhelmshaven im Frühjahr 1952, ohne den Landtag zu befragen, der Hochschule das Diplom-, Promotions- und Habilitationsrecht zuerkannt. Dafür mußte Voigt von der Opposition im Landtag das bittere Wort vom "Sündenfall Wilhelmshaven" und von der "Bruchstück-Universität" hören. Abgeordneter Föge, der Oberbürgermeister von Göttingen, sagte damals: "Streichen Sie das Doktordiplom, und Sie haben keine Schüler mehr!"

Wilhelmshaven ist eine junge Stadt. Erst vor 100 Jahren wurde dort auf oldenburgischem Gebiet der erste Spatenstich zu einem preußischen Marinehafen getan. Sie nahm als kaiserliche Marinewerft einen glanzvollen Aufstieg, erlebte nach 1918 einen Zusammenbruch und in der Hitler-Zeit im Rahmen des Flottenwiederaufbaus eine neue Konjunktur. Dafür mußte die gefürchtete Marinebasis aber auch 100 schwere Luftangriffe über sich ergehen lassen. Trotzdem ist Wilhelmshaven heute keine tote Stadt, wenn auch die Erwerbslosigkeit fast doppelt so hoch ist wie im übrigen Niedersachsen. Dafür sorgt die lohnintensive Klein- und Mittelindustrie, die in den ehemaligen Marinegebäuden angesiedelt wurde. Wenn die Stadt darüber hinaus in den letzten Jahren allgemeine Beachtung find, so durch die 1947 durch niedersächsischen Kabinettsbeschluß gegründete Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft. Unmittelbar hinter dem Nordseedeich ist sie in relativer Abgeschiedenheit in ehemaligen Marinegebäuden untergebracht. Dort studieren im Rahmen eines Collegebetriebes über 200 junge Leute, davon ein Drittel aus Mittel- und Ostdeutschland. Die besondere Aufgabe dieses Hochschuldorfes es, "die politische Wirklichkeit als Ordnung des menschlichen Zusammenlebens in Staat und Gesellschaft" zu behandeln, ,insbesondere die Probleme der wirtschaftlichen Gesellschaft". Das Vorlesungsverzeichnis legt denn auch neben allgemeinen Vorlesungen über Philosophie, Literatur und Kunst, Musik und Sozialmedizin den Nachdruck auf Politik und Geschichte, Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialfragen, ferner auf Rechtswissenschaft, öffentliches, Privat- und Sozialrecht, weiterhin auf Wirtschaftswissenschaften und Soziologie. Man legt in Wilhelmshaven Wert auf die Feststellung, daß die Studierenden, die sich möglichst schon in einem anderen Beruf bewährt haben sollen, den grundlegenden Anforderungen anderer Hochschulen genügen müssen, bevor sie den neu geschaffenen akademischen Titel eines Diplom Sozialwirts ("Dipl. disc. pol.") nach einem sechssemestrigen Studium und abschließendem Staats examen erwerben können.

Das niedersächsische Ministerium dachte bei der Gründung dieser neuartigen Hochschule daran, daß infolge der Wirren der letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre viele begabte junge Leute kein Reifezeugnis einer Oberschule erwerben konnten Infolgedessen gewährte es Wilhelmshaven da Recht, besonders begabten Bewerbern ohne Reife Zeugnis die Zulassung zu den "propädeutischer Semestern" der Hochschule zu ermöglichen. Da gegen aber wurde von vielen Seiten, nicht zuletz von der Opposition im Landtag, eingewandt, daß gegen eine Vertiefung der politischen und wird schaftlichen Fragen an sich nichts einzuwenden sei daß aber das angeschlossene Promotionsrecht zum "Dr. disc. pol." doch eine Entwertung dieses akade mischen Grades bedeute, um so mehr, als man vermute, daß tüchtige, rührige und strebsame Gewerkschaftsbeamte auf diese Weise plötzlich promovier werden sollen:

Noch stärker waren die Bedenken der deutscher Hochschulen gegen das Habilitationsrecht, das da niedersächsische Kultusministerium im März 1952 dieser Hochschule verliehen hat, denn man sieht in ihrem Aufbau, wie die Rektorenkonferenz in ihren ablehnenden Beschluß betont, eine zu schmale Basis die wirklich nichts mehr mit der Universitas literarum zu tun hat, eine reine Fachausbildung, die praktisch fruchtbar sein kann, aber wissenschaftlich zu eng ist.