Zu Jacques Perrys "Ohne Liebe"

In der großen Romanflut ein wirklich außergewöhnliches Buch zu finden (außergewöhnlich nicht nur im Sinne von Qualität), ist ein Ereignis besonderer Art. Daß noch immer (trotz James Joyce) herzhaft aus der "Fülle des Lebens" heraus fabuliert wird, ist kein Argument gegen die Schriftsteller, die dem Menschlich-Allzumenschlichen nur noch einen faden Geschmack abgewinnen können, sei es auch nur, weil alles bereits gesagt ist. Der noch junge französische Schriftsteller Jacques Perry versucht mit seinem Roman Ohne Liebe (genauer: l’amour de rien), 659 Seiten, Marion Schröder Verlag, Hamburg, diesem Dilemma auszuweichen und tatsächlich (ebenso wie Vigileis Thelen mit seiner "Insel des zweiten Gesichts") etwas Neues – oder ganz Altes? – zu bieten. Zu diesem Zweck dient Perry weniger die Geschichte des jungen Außenseiters und Asozialen selbst, die er erzählt, als die besondere Art, in der er dieses Leben schildert. Ein junger Mensch wird als "Wilder", ohne Erziehung und Schulbildung (auch ohne entsprechende "Ver"bildung), ohne Mutterliebe und Familienleben, ohne jede Fähigkeit zum gesellschaftlichen Zusammenspiel der Menschen, in ein Leben der Armut geworfen. Er war als Kind jahrelang gelähmt, ein Schock befreite ihn, er geht zur See, schlägt sich als Knecht durch, zeugt mit 15 Jahren zwei Söhne, flieht, arbeitet in einer Pariser Fabrik, erschlägt einen Bettler, nimmt schließlich eine Stelle als Laufbursche in einer Anwaltskanzlei an und beginnt nun bewußt an sich zu arbeiten und sich die unbekannte Welt des Geistigen zu erobern – ein Autodidakt also, dem das Schicksal die Menschen, die er braucht, in den Weg führt: einen alten literaturbegeisterten Büchersammler, dessen liebenswürdiger Spleen das 18. Jahrhundert ist (was danach geschrieben wurde, existiert für Monsieur Teelet nicht) und später einen modernen Schriftsteller, einen berühmten, verwöhnten Mann, der es versteht, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu bleiben, ein Scharlatan, gewiß, aber einer mit Qualitäten. Die "normalen" Leute, die dem jungen Kanzleiburschen begegnen, beweisen ihm nur immer wieder, daß er anders, ist und mit ihnen nichts anfangen kann. Seine Freundschaft mit dem Schriftsteller Quelse, den der unbehauene junge Mensch zu allerlei Erziehungsexperimenten reizt, wird jäh unterbrochen durch eine seltsam kaltleidenschaftliche Liebesgeschichte, an der Jacques Perry’s Wille zum Außergewöhnlichen besonders deutlich wird. Der junge Mann hat etwas Geld geerbt und verfällt aus Liebe zu Martine Sandy, die eine begabte Malerin ist, auf die Idee, Bilderhändler zu werden. Er selbst hat in dem unerweckten Geschöpf Martine, die er mit der Glut des immer einsam Gewesenen liebt, die Leidenschaft zur Malerei entfacht. Als sie aber dann sich selbst und ihre Möglichkeiten erkennt, entgleitet sie ihm. Er wird eingezogen; an der Rheingrenze erlebt er den Krieg. Es gelingt ihm, vor der deutschen Invasion zu fliehen. Er lebt wieder in Paris und wird reich durch einen schwungvollen Handel mit schlechten Bildern. – Quelse, der Freund, versucht vergeblich, ihn für die Widerstandsbewegung zu gewinnen. Der junge Neureiche führt ein leeres, oberflächliches Leben, bis schließlich Quelse es ihm bewußt macht – er will jetzt Schriftsteller werden; allerlei Versuche in dieser Richtung mißlingen. Schließlich zieht er sich zurück und schreibt sein Leben auf. Als er fertig ist, erhängt er sich – einer, "der gestorben ist, weil er nicht zu leben verstand".

Es ist, wie gesagt, nicht so sehr die Geschichte selbst, die das Buch abhebt, vereinzelt und ihm das Stigma des Außergewöhnlichen verleiht, als die überaus kunstvoll abstrahierte Schilderung –, fragwürdig in mancher Hinsicht, aber auch bezaubernd. Man hat die Kunst des Erzählens oft eine Kunst des klugen Weglassens genannt. Jacques Perry möchte nichts weglassen, weil ihm nichts belanglos erscheint. Er schreibt ein breites, genaues, ein umfangreiches Buch, jedoch keines von denen, die Ausbrüche einer großen epischen Kraft, einer Art Naturgewalt sind, die alle vom künstlerischen Formwillen gesetzten Schranken überrennt, wie etwa die Kraft eines Thomas Wolfe. Jacques Perry gestaltet mit schärfstem Kunstverstand Seite um Seite, gestattet sich keine "Längen", keine "Tiraden" –, sein Stil ist überaus klar und durchgeistigt, am klassischen Französisch geschult. Aber seines jungen Mannes "krankhaftes Bedürfnis nach Klarheit" verleiht der Schilderung zwar die leidenschaftslose, dennoch heimlich vibrierende taghelle Bewußtheit, raubt ihr jedoch die Atmosphäre. Mag sein, daß der Wille zum Außergewöhnlichen, zum Noch-Nicht-Gesagten, der dieses Buch bestimmt, manchmal krampfhaft wirkt–es ändert nichts an der Tatsache, daß hier das "bewußte" Leben des späten Kulturmenschen überaus reizvoll (weil nicht an einem übersättigten Alleswisser demonstriert) zur echten Sensation wird.

Johanna Moosdorf