o. m., Bremen

Nach fast fünfzehnjähriger Unterbrechung wird am 1. Februar auf einem der schönsten Fahrgastschiffe im Atlantikverkehr die auf allen Meeren einst hochangesehene Flagge des Norddeutschen Lloyd im Großtopp wehen: der 19 105 BRT große Dampfer "Gripsholm" der Schweden-Amerika-Linie wird sie hissen, während er im Heck die Bundesflagge auswehen lassen wird. Für die Bremer Nachkriegsschiffahrt beginnt damit ein bedeutungsvoller Abschnitt, der in allen bremischen Häfen als gutes Omen für das begonnene Jahr gewürdigt wird. Für das deutsche Reisepublikum bedeutet der dieser Tage abgeschlossene Vertrag zwischen der SAL und dem Norddeutschen Lloyd über dessen Bewirtschaftung der "Gripsholm" eine neue Möglichkeit, verhältnismäßig preiswert über den Ozean zu gelangen. Eine Überfahrt auf der "Gripsholm" unter der Flagge des Lloyd wird in der Touristenklasse 180 Dollar, in der ersten Klasse 300 bis 350 Dollar kosten (zahlbar auch in DMark). Vor dieser neuen Entwicklung im deutschen Linienschiffsdienst stand eine Reihe von Verhandlungen seitens des Lloyd mit der ihm befreundeten schwedischen Reederei, die demnächst wahrscheinlich darin gipfeln werden, daß eine neue Reederei in der Form einer GmbH, gegründet wird, in deren Rahmen der Lloyd noch weitere Schiffe in seine Bewirtschaftung übernimmt, solange es ihm nicht möglich ist, eigene Passagierdampfer zu bauen. Die jetzt von ihm übernommene "Gripsholm" wird vom Kapitän bis zum "Moses" mit eigenem Personal des Lloyd besetzt sein. Geplant ist zunächst eine Überfahrt monatlich. Bremerhaven und seinem schönen "Bahnhof am Meer" ist dieser Verkehrszuwachs verständlicherweise nicht weniger hochwillkommen als dem ganzen Stadtstaat Bremen, dessen Bevölkerung lebhaften Anteil daran nimmt, daß die Lloydflagge endlich wieder in aller Welt gezeigt wird. Das Land Bremen erwartet davon die Anknüpfung mancher neuen und die Wiederherstellung mancher alten Beziehung zum Ausland, hat doch gerade die Lloydflagge stets besonders viel dazu beigetragen, Bremens Ruf als Stadt der Seefahrt zu festigen.

Es ist nur zu gut verständlich, daß der vorläufige Bericht über die Arbeit des Bremer Senats im vergangenen Jahr – der endgültige ist für Ende März angekündigt – mit Genugtuung davon spricht, daß es Bremen 1953 gelungen ist, neue und große Erfolge in seinem Bemühen um Vertrauen und Achtung in der Welt zu erringen. Dazu gehört in erster Linie die Aufwärtsentwicklung des Bremer Schiffsverkehrs: mehr als 50 000 "echte" Fahrgäste wurden vom Januar bis November 1953 allein in Bremerhaven abgefertigt, das ist um 14 450 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im "gelenkten" Auswandererverkehr über Bremerhaven wurden in der gleichen Zeit 21 616 Personen und im Besatzungsverkehr mehr als 40 000 Passagiere gezählt.

An der Gesamtauswanderung waren die bremischen Häfen mit 75 v. H. beteiligt. Wichtigstes Zielland der Auswanderer war 1953 Kanada mit 33 211 Einwanderern; es folgten Australien mit 6996 und die USA mit 3746 Personen. Unter den Auswanderern befanden sich Menschen aus den verschiedensten Ländern Europas, nicht zuletzt zahlreiche Österreicher. Ihren Berufen nach gliederten sie sich vorwiegend in Hausgehilfinnen, Facharbeiter, ungelernte und Landarbeiter. Im Gegensatz zu Bremen wanderten über Hamburg im letzten Jahr nur rund 8000 Menschen aus, und zwar hauptsächlich nicht nach Kanada, sondern in die USA (3767), nach Brasilien (799) und nach Argentinien (178).

Dem Alter nach standen die meisten Auswanderer zwischen dem 25. und 45. Lebensjahr. Das weibliche Geschlecht überwog. Der Anteil der Vertriebenen betrug etwa 35 v. H.