Je näher die Berliner Konferenz heranrückt, um so lebhafter scheint das Verlangen westlicher Diplomaten und Politiker zu werden, die Sowjets wissen zu lassen, worauf der Westen von vornherein zu verzichten bereit sei. Vermutlich halten sie das für eine besonders geeignete Methode, die Verhandlungsposition der Westmächte zu stärken. So verlautet aus London, es sei daran gedacht, die Garantie anzubieten, daß die Bundesrepublik "nicht aus ihren Grenzen" ausbrechen werde, wenn ihre EVG-Kontingente aufgestellt sind. Eine Garantie dieser Art würde darauf hinauslaufen, die Bundesrepublik zu neutralisieren, während doch bisher der Gedanke einer Neutralisierung Deutschlands gerade von den Westmächten mit guten Gründen abgelehnt wurde. Erstaunlicherweise hat sich auch der frühere französische Außenminister Robert Schuman, der als einer der Initiatoren des europäischen Zusammenschlusses wissen sollte, daß die Grenzen Europas weder an der Elbe noch an der Oder liegen, dem Gedanken der Neutralisierung genähert. Er schreibt in der Luzerner Zeitung "Vaterland": Deutschland dürfe weder ein ‚Verbündeter noch ein Gegner‘ sein, sondern müsse einer Gemeinschaft angehören, die durch ihre feste Struktur den Frieden garantiere. Soweit Schuman sich gegen eine gewaltsame Revisionspölitik ausspricht, kann er der Zustimmung auch der Deutschen sicher sein, deren Heimat jenseits von Oder und Neiße liegt. Kein Deutscher denkt aber daran, auf alle Ewigkeit auf die Mittel friedlicher Revision zu verzichten. Und alle Deutschen haben bisher geglaubt, die Beteiligung an einer europäischen Gemeinschaft schaffe ein auf wechselseitigem Vertrauen gegründetes Verhältnis, das weit über ein gewöhnliches Bündnis hinausgeht. "Weder Verbündeter noch Gegner" kann jedenfalls nicht die richtige Formel für eine solche Gemeinschaft sein. J, Schw.