Zum ersten Male seit Ende des zweiten Weltkrieges, genauer seit dem Potsdamer Abkommen, wird auf der Berliner Viererkonferenz endlich wieder die Deutschlandfrage – und zwar die Frage des gesamten Deutschlands – Tagesordnungspunkt Nummer 1 der weltpolitischen Verhandlungen zwischen West und Ost sein. Es erscheint darum angebracht, vom heutigen Blickwinkel aus, also neun Jahre nach Kriegsbeginn, Verlust und Wiederausgleich ganz Deutschlands in Kriegs- und Nachkriegszeit in einigen Vergleichen und Größenordnungen festzuhalten, die uns in einer Arbeit von Dr. Ferdinand Grünig (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin) zur Verfügung gestellt werden.

Die in der Bundesrepublik seit der Währungsreform erreichten wirtschaftlichen Erfolge lassen vielfach übersehen, daß die in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gestellten Daten über Produktionsergebnisse und Hebung des Lebensstandards nur die Entwicklung eines Teilbereichs der deutschen Wirtschaft widerspiegeln. Zudem werden die in Vergleich mit der "Vorkriegszeit" ermittelten Indices fast ausnahmslos auf 1936 als Bezugsjahr basiert, während doch der in vieler Hinsicht weit instruktivere Vergleich mit 1939, dem letzten Vorkriegsjahr, wesentlich niedrigere Fortschritte ergibt.

Nimmt man als Ausgangspunkt der nachfolgenden Betrachtung den Bevölkerungsstand sowie die wirtschaftliche Leistung Deutschlands in 1939, so zeigt sich, daß bei Kriegsausbruch knapp 57 v. H. der Bevölkerung und etwa 59 v. H. der wirtschaftlichen Leistung – gemessen am Wert des "Nettosozialprodukts" – auf das heutige Bundesgebiet entfielen; der Rest verteilte sich auf die sowjetische Besatzungszone, Berlin, Ostdeutschland und das Saargebiet.

Die tatsächliche Entwicklung ist völlig anders verlaufen. Infolge von Kriegsverlusten, Geburtenausfällen und erhöhter Sterblichkeit hat die Bevölkerung Deutschlands innerhalb von 14 Jahren nicht, wie erwartet, um fast 7 Millionen Menschen zugenommen, sondern sie wäre sogar um etwa 2 1/2 Millionen zurückgegangen, wenn nicht die Notwendigkeit, Auslandsvertriebene aufzunehmen, zu einem gewissen Ausgleich geführt hätte. 0,8 Millionen ehemals deutscher Staatsangehöriger sind als polnische Optanten im Raum östlich der Oder/Neisse verblieben oder als Kriegsgefangene noch nicht aus dem Osten zurückgekehrt. Nahezu eine Million Menschen umfaßt die Bevölkerung des Saargebiets, das zwangsweise aus dem deutschen Wirtschaftsverband ausgegliedert wurde.

Alles in allem ist die Bevölkerungszahl des deutschen Wirtschaftsgebietes gegenwärtig nur unvesentlich – nämlich um 0,3 Millionen Menschen – höher als vor 14 Jahren.

Noch einschneidender als der eingetretene Verlust am Bevölkerungspotential war die Zwangsräumung des Gebietes östlich der Oder/Neisse, das etwa ein Viertel der Vorkriegsfläche Deutschlands umfaßte. Die vertriebene Bevölkerung mußte gleichzeitig mit den Auslandsvertriebenen – insgesamt 12 Millionen Menschen – von dem Deutschland verbliebenen Kerngebiet aufgenommen werden. Nahezu das gesamte betriebliche und private Vermögen der Vertriebenen ging hierbei verloren. Auch der im Kernland entstandene Kriegs- und Nachkriegsschaden war ungewöhnlich hoch.

Neue und große Schwierigkeiten brachte die Spaltung des deutschen Kernlandes in Besatzungzonen. Bei dieser Sachlage ist es schon eine Leistung, daß die Wirtschaft der Bundesrepublik nach dem Tiefstand des Zusammenbruchs und der ersten Nachkriegsjahre in den seit der Währungsreform vergangenen fünf Jahren ein Produktionsniveau erreichen konnte, das – gemessen am Sozialprodukt – jenes der Vorkriegszeit (1939) noch im reichlich ein Zehntel übertraf. Berücksichtigt man beim Vergleich auch die jeweilige Bevölkerungszahl, so ist jedoch festzustellen, daß die volkswirtschaftliche Produktivität (Nettosozialprodukt je Einwohner) in der Bundesrepublik auch 1953 noch immer um etwa ein Zehntel hinter jener des letzten Vorkriegsjahres zurückblieb.