In der Sowjet-Union wird kein Problem so ausgiebig in aller Öffentlichkeit behandelt wie das der Landwirtschaft und mit ihr das der Ernährung. Was könnte symptomatischer sein als die Tatsache, daß die tonangebende "Prawda" im Dezember die gute Hälfte aller ihrer Leitartikel dem Kolchosdorf gewidmet hat! Das ist ein Zeichen größter Sorge. Außerdem machen diese Publikationen – alle übrigen "Zentralorgane" sekundierten dabei – deutlich, daß die Durchführung der so einschneidenden "historischen Septemberanordnungen" von Partei und Regierung völlig unbefriedigend verläuft. Es wurde zum Beispiel ein "Schub von 100 000 qualifizierten Spezialisten" und mindestens ebensovielen bewährten Kommunisten aus Stadt und Industrie ins Dorf angeordnet. Aber es blieb bei der Anordnung. Denn die Bauern nahmen eine feindselige Haltung ein, und auch die vorgemerkten Spezialisten und Kommunisten wehrten sich, so gut sie konnten, gegen ihre Verpflanzung in das gefährlich gewordene Kolchosdorf. Es ist also alles geblieben, wie es war. Höchstens ist den Kreml-Mächtigen die Tatsache neu, daß rund hundert Millionen Bauern widerspenstig sind, die durch den offenkundigen Rückzug des Kremls noch widerspenstiger werden dürften...

Gewiß, die Versorgung der russischen Bevölkerung mit Massenartikeln hat sich jetzt schon, infolge der immensen Anstrengungen des letzten halben Jahres, ein wenig gebessert. Aber diese – nur sacht ansteigende – Kurve bricht da ab, wo das Allerwesentlichste beginnt: die Versorgung mit Lebensmitteln. Dafür, daß hierin bald auch nur die geringste Besserung eintreten könnte, gibt es keine Chancen. Es ist ja der Kreml selber gewesen, der den "steilen Anstieg" erst in zwei bis drei Jahren verheißen konnte – ausdrücklich unter der Voraussetzung, daß sich die besagten "Septemberanordnungen" verwirklichen ließen. Aber hier eben hapert es. Noch in der ersten Dezemberwoche gab es alarmierende Meldungen darüber, daß in vielen Gebieten das Viehfutter für den Winter nur knapp zu 50 Prozent abgeerntet worden ist und daß riesige Kartoffelfelder nun schon unterm Schnee begraben liegen, ja, daß ganze Kreise die Ablieferung des Pflichtsolls an landwirtschaftlichen Erzeugnissen "einfach eingestellt haben" – in Weißrußland zum Beispiel, wie die "Prawda" mitteilte. Hier, in diesem würgenden "Engpaß der Landwirtschaft", liegt der Hauptgrund für jenen Zwang zum Improvisieren, den man gegenwärtig an der sowjetischen Politik wahrnehmen kann.

Es gibt eine einzige Autorität, die stets von der Diktatur anerkannt wird –: die "Volksmasse". Und daß die "Volksmasse froh, glücklich und zufrieden" in die Zukunft schaue, das hat die Sowjetpropaganda besonders um die Jahreswende lärmend genug versichert. Zur Freude der Massen war am russischen Neujahrstag sogar ein riesiger Tannenbaum im "Großen Palais" des Kreml eingepflanzt worden. Und während die Harfenisten der hauptstädtischen Zeitungen dies Ereignis in vollen Akkorden besangen, beeilte sich die Provinzpresse, pausenlos-hämmernde Versicherungen abzugeben, daß Partei und Staat alles in Bewegung setzen, die steigenden Anforderungen der Masse zu befriedigen! Viele Anzeichen sprechen dafür, daß in den Massen langsam – vielleicht im Zeitlupentempo – eine dumpfe Gefahr heranreift – zumindest in Gestalt einer weiteren Schwächung des Wirtschaftspotentials. F. D.