Ein Kapitän und fünf Männer halten aus

Von Paul Hühnerfeld

Diese Woche war die längste Woche ihres Lebens, obwohl sie nur sieben Tage zählte wie alle anderen Wochen auch. Diese Woche begann am Montag, dem 4. Januar 1954, morgens und endete am Sonntag, dem 10. Januar 1954, gegen Mittag. Für die sechs Männer, von denen hier die Rede ist, setzte sie ein etwa 13 Seemeilen von der Elbmündung entfernt und endete an der Alten Liebe, der berühmten Landungsbrücke von Cuxhaven.. Diese sechs Männer waren der 50jährige Kapitän Nicos Papageorgio, die Seeoffiziere C. Vassilakis und C. Sofras, der Funker A. Gianowlis, der Matrose D. Dimitriades und der Donkeymann C. Vardianos. Ihnen halfen die Besatzungen vieler Hochseeschlepper unter dem Kommando des Bergungsinspektors Kapitän Kraft. Der Feind, den eine Woche lang die sechs und ihre Helfer mit wütendem Grimm bekämpften, war die Nordsee, das Scharhörn-Riff und der Sturm.

Dieser Feind aber hatte es nicht auf die Männer abgesehen. Es ging ihm um das Schiff, das sie fuhren: um den griechischen Tanker „Leros“, 5576 Tonnen, 1918 in New Castle erbaut, Eigentum der Reederei Aron Romanos in Piräus. Das Schiff sollte vernichtet werden, den Seeleuten nichts geschehen: sie brauchten nur die sich bereithaltenden Rettungskutter zu besteigen. 19 Mann der Besatzung taten es: aber der Kapitän und die fünf blieben, Sie nahmen den Kampf auf. So begann diese längste Woche.

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Am Montagmorgen lief der Tanker „Leros“ auf der Fahrt vom Schwarzen Meer nach Stockholm vor Scharhörn auf Sand; an diesem Tag für das Riff das zweite Opfer: das erste war der deutsche Dampfer „Traunstein“; doch bei dem hatte ein Bergungsfahrzeug genügt, den Kiel wieder flott zu bekommen. Auf der „Hindenburg“ – so hieß dieses Hilfsschiff – ahnten die Männer schon die Gefahr, die der „Leros“ drohte, als sie ohne Lotsen der Elbmündung mit acht Meilen Geschwindigkeit entgegendampfte. Keine Warnungen erreichten Papageorgio mehr: es knirschte unterm Schiffsrumpf, ein Seeventil riß auf, Wasser strömte in den Maschinenraum, der schwere Schiffsrumpf neigte sich langsam nach Backbord. Verzweifelt peitschten die Schrauben nach rückwärts. Das Knirschen wurde zum Stöhnen, das Schiff bebte – aber es blieb auf Grund. Die deutschen Besatzungen der Bergungsboöte, die schon beobachtet hatten, daß Papageorgio sich am äußersten Rand der Fahrrinne gehalten hatte, die spürten, daß der Grieche offenbar nichts von der furchtbaren Gefahr dieser Gewässer ahnte, waren deshalb nicht zu sehr überrascht, daß Papageorgio die sofort angebotene Hilfe ablehnte: vielleicht wäre dann das durch eine gewisse seemännische Unvorsichtigkeit begünstigte Unglück noch im letzten Augenblick zwischen einigen Seeleuten und der See bereinigt worden. Aber Papageorgio waren diese paar deutschen Seeleute schon zuviel – er wollte es allein schaffen; deshalb mußte er in den dann folgenden Tagen die ganze Welt als Gefährten in Kauf nehmen.

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