Von Italo Zingarelli

Rom, im Januar

Die Regierung, in der Pella den Vorsitz hatte, war genau 143 Tage im Amt. Als sie gebildet wurde, trug sie das Etikett eines "provisorischen Verwaltungskabinetts"; zu Fall gekommen ist sie über eine außerparlamentarische Krise, die wohl das Vorspiel zu einer schweren und langen Krise in Italien sein wird. Im Grunde war es von vornherein absurd, anzunehmen, daß die Regierung Pella nur einige "Verwaltungsgeschäfte" zu erledigen haben sollte. In einem parlamentarischen Staat sind solche Unterscheidungen zwischen einer "politischen" und einer "Verwaltungsregierung" gar nicht genau zu machen.

Pella ist ein sehr ausgewogener, sehr ehrenhafter und sehr ruhiger Mann. Er ist überdies ein ausgezeichneter Verwalter und ein hochangesehener Techniker der Staatsfinanzen. Vielleicht fehlen ihm die Gaben des eigentlichen Parlamentariers, der mit den verschiedenen Tendenzen und Gruppen geschickt zu spielen weiß – gar nicht zu reden von der Fähigkeit zum Intrigieren, über die Pella in keiner Weise verfügt. Als der Präsident der Republik, Einaudi, im August Pella mit der Regierungsbildung beauftragte, tat dieser einen kühnen Schritt, den man sich wieder ins Gedächtnis rufen muß, wenn man verstehen will, was sich inzwischen entwickelt und nun zum Sturz der Regierung geführt hat: Statt sich mit der Christlich-Demokratischen Partei zu beraten und von ihr Vorschläge über die Personen entgegenzunehmen, denen er Ministerien anvertrauen sollte, ging Pella nach eigenem Ermessen vor und machte eine Liste, die er ausschließlich der Billigung des Staatsoberhauptes unterstellte. Die Regierung kam über die erste Hürde hinweg. Aber von jenem Tage an zeichnete sich ein Bruch zwischen Pella und den Christlichen Demokraten ab, die entschlossen waren, ihm diese Eigenmächtigkeit nicht zu verzeihen. Sie handelten zwar nicht sofort, weil an eine Rückkehr de Gasperis im Augenblick nicht zu denken war, doch sie warfen dem neuen Mann unaufhörlich Hindernisse in den Weg, wenn sie ihm auch nicht in der Kammer oder im Senat das Mißtrauen auszusprechen wagten. Ein solcher Skandal wäre zu arg gewesen.

Aber eines Tages las Pella in den Zeitungen eine parteiamtliche Äußerung, die sehr wie eine Mißbilligung seiner Arbeit aussah, und am Tage darauf erschienen Artikel, die unzweideutig kühle Feindseligkeit ihm gegenüber zum Ausdruck brachten. Denkwürdig wird ein Aufsatz aus der Feder de Gasperis selbst bleiben, der inzwischen Generalsekretär der Christlich-Demokratischen Partei geworden war. In diesem Artikel wurde das Kabinett Pella eine "befreundete" Regierung genannt. Einen solchen Ausdruck hätte de Gasperi wohl für eine liberale, eine republikanische oder eine Koalitionsregierung wählen können; aber für eine Regierung, an deren Spitze ein christlicher Demokrat stand, der viele Jahre lang sein engster und angesehenster Mitarbeiter gewesen war, war der Ausdruck ein wenig stark. Pella fing an, die Geduld zu verlieren, und deutete an, daß er die Folgerungen ziehen werde. Kurz vor Weihnachten kündigte er eine "Umbildung seiner Regierung an. Dieses Mal aber ging er nicht wie im August zu Werke, sondern trug seine Pläne der Partei vor. Fast jeden Tag fuhr er am Steuer seines Wagens viele Kilometer über Land, um sich mit de Gasperi zu beraten, der außerhalb von Rom wohnt.

Pella hatte eingesehen, daß die Ministerpräsidentschaft, die Verwaltung des Außen- und des Schatzministeriums zuviel an Arbeit für ihn seien, und hatte deshalb daran gedacht, das Außenministerium dem Abgeordneten Piccioni zu geben. Das wäre möglich gewesen, obwohl nach der Augustkrise die Beziehungen zwischen Piccioni und de Gasperi nicht die besten waren. Immerhin stand Piccioni im Rufe, mit der Rechten zu sympathisieren, und Pella hatte sich in den 143 Tagen seiner Regierung der Unterstützung dieser monarchistischen Gruppe erfreuen können. Ohne sich für ein Bündnis mit der Linken auszusprechen, beharrte dagegen die Partei auf einer heftigen Ablehnung der Zusammenarbeit mit der Rechten. Überdies aber dachte Pella daran, den Landwirtschaftsminister Salomone durch den früheren Arbeitsminister Aldisio zu ersetzen, und dagegen legte die Partei ihr Veto ein, indem sie eine Tagesordnung durchbrachte, in der die Agrarpolitik Salomones in hohen Tönen gefeiert wurde. Da nun auch Salomone nur 143 Tage im Amt war und in dieser Zeit nichts anderes getan hat, als im Gleise seiner Vorgänger zu gehen, war diese Tagesordnung ein Kanonenschuß gegen Pella, der nur erklärt hatte, daß Aldisio die Bodenreformgesetze respektiert habe; auch von Aldisios Seite aus war keine Äußerung erfolgt, daß er neue Wege einzuschlagen gedenke. Es stellte sich somit heraus, daß Pella seine Regierung nur umbilden konnte, wenn er Aldisio opferte. Das wäre die vollständige Kapitulation vor der Partei gewesen und hätte Pella jeder Autorität beraubt. Diese Unmöglichkeit, sein Ministerium umzubilden, hat dann Pella zur Einreichung seiner Demission veranlaßt, die Einaudi nicht hätte anzunehmen brauchen. Er hätte Pella an das Parlament verweisen können. Aber er nahm die Demission an. Die Krise wird, wie gesagt, nicht kurz sein, sondern lang und schwer, und als Nachfolger Pellas werden wir vielleicht wieder einen neuen Mann sehen. Aber wenn wir auch über die Bildung der nächsten Regierung (wahrscheinlich eine Regierung aus den gemäßigten christlichen Demokraten, mit starker Tendenz nach links) noch nichts Genaues sagen können, so lassen sich doch schon einige Bemerkungen über die politische Lage im allgemeinen machen. Die Ereignisse der letzten Tage haben gezeigt, daß sich im Innern der Christlich-Demokratischen Partei verschiedene Gruppen gebildet haben, zwischen denen scharfe Gegensätze bestehen. Es ist wahrscheinlich, daß sich die Spaltung vertieft. Pella hat auf die Unterstützung der Partei nicht zählen können, sei es wegen dieser Spaltungen, sei es, weil er zu eigenmächtig vorging und gegen die Parteibürokratie rebellierte. Aber Pella hat sich in Italien selber eine Partei geschaffen, die allerdings auf dem Papier nicht existiert und keinen Namen hat...

Da er eine neue Sprache sprach, hat er sich viel Sympathie im Volk erworben. Er lieferte den Beweis, daß de Gasperi nicht unersetzlich ist. Er erfreute sich des Vertrauens weiter Kreise und aktiver Persönlichkeiten in allen Lagern. Auch viele unpolitische Italiener betrachteten ihn mit Wohlwollen, ebenso viele christliche Demokraten, viele Monarchisten, viele Faschisten und so fort. Wenn sich auch diese Masse nicht deutlich abzeichnet und nicht klassifizierbar ist, so fragt sie sich doch jetzt mit Verblüffung, warum denn eigentlich Pella die Macht aus der Hand geben mußte. Das ist eine psychologische Reaktion, die man in Rechnung wird ziehen müssen.