Der 23. Januar in Korea

Zwei Tage vor dem Beginn der Berliner Konferenz fällt in Korea eine Entscheidung, die nicht ohne Einfluß auf die Atmosphäre der Außenministerkonferenz bleiben wird. Am 23. Januar wird nämlich das Schicksal der 22 000 nichtkommunistischen Kriegsgefangenen in der neutralen Zone entschieden, die nach Ansicht des UNO-Oberkommandos entlassen, nach Auffassung des chinesischen und nordkoreanischen Oberkommandos jedoch bis zur Entscheidung der im Waffenstillstand vorgesehenen, bisher aber nicht zustandegekommenen "Politischen Konferenz" festgehalten werden sollen. Wie von alliierter Seite in Panmunjon mitgeteilt wurde, planen die Gefangenen, in den Morgenstunden des 23. Januar auszubrechen, falls die neutrale Kriegsgefangenen-Überwachungskommission dem Antrag des kommunistischen Oberkommandos nachgibt. Die 55 Lager der Kriegsgefangenen befinden sich drei Kilometer von den Stellungen der Alliierten. Der südkoreanische Außenminister Pyun Yung Tai weigerte sich in einem Schreiben an den Oberbefehlshaber der achten amerikanischen Armee, General Maxwell Taylor, seine Drohung zurückzuziehen, daß Südkorea Gewalt gegen die indischen Wachtruppen in der neutralen Zone anwenden werde, falls diese sich der Freilassung der Gefangenen widersetzen sollten. Auf einer Pressekonferenz erklärte General Taylor, ein Versuch der chinesischen und nordkoreanischen Truppen, die Freilassung der Kriegsgefangenen zu verhindern, werde wahrscheinlich den Wiederbeginn der Kampfhandlungen zur Folge haben. Die achte Armee stehe bereit und werde jedem Notstand gewachsen sein. Gleichzeitig gab der General Einzelheiten eines Planes bekannt für den Fall, daß die indischen Überwachungstruppen am 23. Januar die nicht heimkehrwilligen Gefangenen freilassen sollten. Danach werden die anti-kommunistischen chinesischen Gefangenen unmittelbar nach ihrer Freilassung nach dem Hafen Inchon gebracht und sofort nach Formosa eingeschifft werden. Die anti-kommunistischen nordkoreanischen Gefangenen sollen in zwei Orten an der Ost- und Westküste Südkoreas vorläufige Unterkunft finden. Nach Berichten aus. alliierten Kreisen wird der indisch: Befehlshaber der Bewachungstruppen keine Maßnahmen ergreifen, um die Gefangenen zurückzuhalten. Dagegen hat die indische Regierung in einem Schreiben an die Präsidentin der UNO-Vollversammlung, Frau Lakschmi Pandit, die Einberufung der Vollversammlung zu einer Sondersitzung über die Korea-Frage vor der für den 22. Februar geplanten Auflösung der neutralen Repatriierungskommission beantragt. Die Vollversammlung soll sich mit dem Schicksal der rückkehrunwilligen Kriegsgefangenen und mit der Frage der "Politischen Konferenz" befassen. Ein indischer Regierungssprecher betonte, Indien werde das alliierte Oberkommando in Korea nicht auffordern, die Entlassung der Gefangenen am 23. Januar bis nach der Sitzung der Vollversammlung aufzuschieben. Nach indischer Ansicht sei dies eine Angelegenheit, die allein zwischen den beiden Oberkommandos ausgehandelt werden müsse. Auch nach indischer Auffassung sei der 22. Januar der letzte Tag der Gefangenschaft. Mit ihrem Antrag auf Einberufung der Vollversammlung ist die indische Regierung den entsprechenden Vorschlägen des chinesischen Ministerpräsidenten Tschu-en-Lai und des nordkoreanischen Außenministers Nam Il nachgekommen. In übereinstimmenden Erklärungen der beiden kommunistischen Führer wird außerdem vorgeschlagen, die abgebrochene Vorkonferenz in Panmunjon fortzusetzen und auf der Berliner Zusammenkunft der Außenminister die Vorbereitungen für die Abhaltung einer Fünferkonferenz unter Teilnahme Chinas zu treffen.

Führerkrise in Belgrad

Der Exekutivausschuß der jugoslawischen kommunistischen Partei hat in einer Erklärung scharfe Angriffe gegen den Präsidenten der Nationalversammlung und führenden Theoretiker der Partei, Milowan Djilas, gerichtet, in denen politische Beobachter Anzeichen für einen Bruch in der Partei Titos vermuten. Djilas wird vorgeworfen, er habe in mehreren Artikeln in der parteiamtlichen Zeitung "Borba" die Parteilinie verlassen und dem Prestige der Partei schweren Schaden zugefügt. Seine Artikel stünden im krassen Gegensatz zu der Meinung aller Mitglieder des Exekutivausschusses. Djilas werde sich auf einer Vollversammlung des Zentralkomitees zu verantworten haben. Djilas, der nach Tito und Kardelji der mächtigste Mann in der jugoslawischen KP ist, hatte sich dafür eingesetzt, die nach sowjetischem Vorbild organisierte Partei umzubilden und die strenge Parteidisziplin abzuschaffen. An Stelle der straffen Parteikader sollten lose Diskussionsgruppen treten. Die Leitung der Staatsgeschäfte solle aus den Händen der Parteifunktionäre wieder in die Hände von Fachleuten, erprobten und fähigen Männern aus Wirtschaft, Verwaltung und Armee, übergehen. Nach der Erklärung des Exekutivausschusses hat sich Djilas bereit erklärt, die Veröffentlichungen einzustellen. Djilas galt bisher als einer der engsten Kampfgenossen Titos. Zusammen mit Tito und dem Innenminister Rankowitsch war er beim; Ausschluß der jugoslawischen KP aus der Kominform namentlich als "Verräter" genannt worden. E.K.