Das Zeitalter des Idealismus war doch wohl skeptischer als unser Zeitalter des Zweifels an ’all und jedem. Denn der Satz "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind" war ein echtes Manifest skeptischen Geistes. Die moderne Pädagogik geht zwar von grundsätzlicher Skepsis gegenüber der Reife, Erfahrung und Leistung des Alters aus und will das Kind vor "falschem Autoritätsglauben" bewahren, glaubt aber ihrerseits an das Wunder, den werdenden Menschen auch ohne den Einfluß wirklicher Autorität zu Reife, Erfahrung und Leistung heranbilden zu können. Ihr höchstes Dogma lautet: das Kind darf nicht in der Entfaltung seiner Individualität behindert werden. Wie ist das vereinbar damit, daß das Leben immer und überall die gegenseitige Anpassung der Individualitäten aneinander, von jedem einzelnen also ein Opfer an Eigensein fordert? Auf diese Wahrheit vorzubereiten, scheint uns der einzige vernünftige Sinn, den (abgesehen von der Wissensvermittlung) jegliche Erziehung haben kann. Daß hingegen die Erwachsenen selbst "Autorität" schlechthin verneinen, mag seine guten Gründe im Gefühl eigener Unsicherheit haben, bedeutet indessen, gerade als pädagogischer Grundsatz, nicht weniger als bedingungslose Kapitulation vor der Aufgabe ernsthafter Menschenbildung.

Zu diesem "Problem" – das gar kein echtes, sondern in der Retorte modischer Experimentierfreude künstlich erzeugtes ist – gibt ein Artikel der New Yorker "Time" eine heitere Illustration. Dort wird von einem Jungen berichtet, der auf amerikanischen Schulen in Oklahoma, New York und Tokio seine "Persönlichkeit" zu solcher Blüte gebracht hatte, daß er nicht mehr zum Lernen zu bewegen war, alle Lehrer als Trottel bezeichnete und sich mit Lust nur an den Tumulten beteiligte, die besonders einer Lehrerin – "wir tun nichts, was ihre Individualität einengen könnte" – geboten wurden. (Sogar Papierpfeile, Bücher und Apfelsinen flogen bei diesem Persönlichkeitskult durch den Schulraum und an den Kopf der fortschrittsfreudigen Pädagogin.) Eines Tages aber kam, derselbe Junge in ein Londoner Vorstadt-College. In kurzer Zeit wurde er fleißig, gesittet und gutwillig, ja, übereifrig. Der erstaunte Vater erfuhr auf seine vorsichtigen Fragen nach dem Grunde dieser Wandlung, daß es in diesem Institut sehr streng zuging: mit Strafen wie Entzug der Beteiligung am Sport, mit Arrest, selbst mit gelegentlichen Prügeln ...

Wilhelm Busch war weder ein Dummkopf noch ein Unmensch, und seine Ironien haben immer einen beachtenswerten Weisheitsgehalt. Hat er vielleicht nicht ganz unrecht gehabt mit dem schönen Vers:

"Zu rechter Zeit erteilte Hiebe

erweckt Vertrauen, Furcht und Liebe" – wobei zumal die Liebe gar nicht spöttisch gemeint zu sein braucht?

Nun, wir wollen nicht für die Prügelstrafe plädieren (die heute in gewissen Gegenden zwar nicht Kindern, dafür aber Erwachsenen erteilt wird...). Wir sind überhaupt nicht für die Überzeugung durch Gewalt. Die Kunst der Pädagogik dürfte doch wohl erst da anfangen, wo zwischen den Extremen der gesunde Mittelweg eingeschlagen wird Der allerdings wäre nicht neu. Atb