In Stuttgart ist am Sonntag der bisherige Oberbürgermeister Dr. Klett mit 80 Prozent der abgegebenen Stimmen auf zwölf Jahre wiedergewählt worden. Dies geschah, weil die Große Koalition, die in Baden-Württemberg regiert, sich gemeinsam für den parteilosen Klett entschieden hatte. Da also CDU, SPD und FDP sich zusammentaten, war die Sache von vornherein erledigt. Ein ernsthafter Gegenkandidat konnte nicht auftreten, und der Kommunist, der pro forma kandidierte, hatte sowieso keine Chancen. So einfach regiert es sich mit der Großen Koalition. Und deshalb gibt es ja immer wieder Leute, die dieses reibungslose Regierungssystem gern auch in allen Ländern und am liebsten im Bund in Gang setzen möchten.

Leider hat diese Regelung aber ihre Schattenseite: In dem Augenblick, in dem sich alle Parteien zusammenschließen, pflegt die Bevölkerung das Interesse zu verlieren. Sie sieht sich einer Art von Ein-Partei-System gegenüber, und da dies System in unseren Breiten die Wähler nicht zwingen kann, zur Urne zu gehen, so bleiben sie lieber zu Hause. So haben sich an der Stuttgarter Wahl nur 40 Prozent der Wahlberechtigten beteiligt. Sie haben eine katastrophale Interesselosigkeit kundgetan, wenn sie nicht vielleicht gar gegen die allzu einfache Koalitionsmethode protestieren wollten. Zehntausend Wähler, die immerhin nicht bereit waren, den Politikern einfach den Rücken zu kehren, wählten in ihrer Verzweiflung allerlei Personen, die gar nicht kandidiert hatten. Tausende andere gaben ungültige Stimmen ab.

Die 60 Prozent der Stuttgarter Wähler, die Wahlenthaltung übten, sollten von den Propagandisten der Großen Koalition nicht übersehen werden. Zusammenarbeit ist schön und gut, und Opposition braucht nicht Opposition um jeden Preis zu sein. Aber das politische Leben kann sich in einer Demokratie nur in Form der Auseinandersetzung zwischen den Parteien abspielen; sonst wird aus der parlamentarischen Demokratie eine Block-Demokratie, die bald überhaupt keine Demokratie mehr ist.

Diesmal handelt es sich nur um eine Bürgermeisterwahl, und das entschuldigt manches. Aber vielleicht wäre es dem Bürgermeister Klett auch angenehmer gewesen, in einer echten Auseinandersetzung mit, sagen wir 55 Prozent, gewählt zu werden, als im Alleingang 80 Prozent der Stimmen zu bekommen, die doch in Wirklichkeit nur 32 Prozent der Wahlberechtigten repräsentieren ... F.