New York, im Januar

Gewiß nicht alle, aber die meisten Gefahren, die das große Land der Vereinigten Staaten bedrohen, kommen von seinem Reichtum. So auch die Gefährdung der Schauspielerei, von der ich hier spreche. Und zwar liegt hier die Gefahr gar nicht unmittelbar in dem Reichtum an Geld, sondern in dem Reichtum an Menschen. Menschenmaterial aller Rassen, Nationen, Arten ist da – und kann freilich, wo etwa eine Lücke ist, durch Geldangebote ins Ausland beliebig ergänzt werden. Dies aber führt zu einer Behandlung des Besetzungsproblems, die den ganzen Sinn der Schauspielkunst aufzuheben droht.

Schauspielkunst ist die Fähigkeit der Verwandlung – ist die Kraft, aus dem Lebensvorrat des eigenen Ich vielfache Gestalten ans Licht treten zu lassen. Aber wenn man aus einem endlosen Menschenvorrat einfach den "Typ" auswählt, der schon in seiner Privatexistenz der textlich geforderten Figur ausreichend entspricht, so bringt man die Schauspielkunst zur Erstarrung – ihre eigentliche Kraft kommt gar nicht zum Einsatz. Diese Gefahr ist längst offenbar in Hollywood. Da besetzt man in der Mehrzahl der Fälle die Rollen nicht mit Schauspielkräften, sondern mit passenden "Typen". Man hat Dicke und Dünne (aber Deutschlands vollkommenster Falstaff, der große Ludwig Devrient, war "in Zivil" spindeldürr!). Man hat Schöne und Groteske; wozu also – abgesehen vom Schminküberzug für die Lichtwirkung – erst "Maske" machen! Man hat Starke und Schwächliche; man hat Russen und Italiener, Spanier und Asiaten und Neger. Und man benutzt sie. Niemand braucht erst viel zu "spielen" – man ist einfach da. Die Schauspielkunst hört dabei auf.

Es ist keine Legende, sondern eine durch Augenzeugen verbürgte Tatsache: Ein berühmter starker Mann mit charmantem Lächeln, der in hundert Rollen eben nur stark und charmant zu sein hatte, kam in einem Film in eine Situation, wo er am Sarge seiner Mutter trauernd niederzusinken hatte. Der Regisseur versuchte es fünfmal mit ihm, es ging nicht. Beim sechsten Versuch brach der berühmte Hollywood-Held in die entrüsteten Worte aus: "Was wollen Sie eigentlich von mir! Ich bin doch kein Schauspieler!!" So weit ist man in Hollywood.

Aber neuerdings scheint die Gefahr auf die Broadway.-Theater überzugreifen. (NB. Wir haben zur Zeit ganz jenseits vom Broadway einen wirklich großartigen Othello-Darsteller, einen Farbigen, der Hyams heißt.) Nämlich an prominenter Broadway-Stelle passierte unlängst folgendes: Die Firma Howard Lindsay und Rüssel Crusoe hatte ein Stück zusammengeleimt, das sie "The Prescott Proposals" nannte. Es waren alte Spannungstricks nach Sardou, wirksam versetzt mit politischer Aktualität. Im Schlafzimmer einer Dame bekommt ein ehemaliger Liebhaber, der unbefugt eingedrungen ist, einen Herzschlag. Er muß, um die Frau nicht heillos zu kompromittieren, heimlich weggeschafft werden. Diese Frau ist nun aber amerikanische Vertreterin bei den United Nations und hat eben (sie heißt Prescott) die "Proposals" eingebracht, die ein ziemlich nichtssagendes Gerede sind – aber hier höchst ernst genommen werden. (Der Hauptbeifall bezog sich auf den Zwischenvorhang, den der begabte önslager gemacht hatte und der das tausendfenstrige Gebäude der United Nations darstellte!) Ich rede aber von diesem Stück nur, weil das schauspielerische Problem, das damit verbunden ist, interessant wurde.

Die Mary Prescott spielte Kathrine Cornell, von der Amerika beschlossen hat, daß sie eine große Schauspielerin, womöglich "die große Schauspielerin der Epoche" sein soll. Ich finde, daß sie eine sehr stattliche, wohlroutinierte Dame ist, auch gescheit – aber ohne eine Spur von Nerven. Da ich sonst für schauspielerische Offenbarungen einigermaßen empfänglich bin, kann ich die Cornell nur für ein eiskaltes Talent – das Gegenteil von Genie – halten. Aber das ist hier nicht die Hauptsache.

Das Stück bleibt in Bewegung durch die zahlreichen Typen der Völkerbundsvertreter. Etliche hatten bei der Dame, als das Unglück passierte, gerade Konferenz und schworen Diskretion. Aber der Russe hält sein Wort nicht; er will sogar in öffentlicher Sitzung die arme Mary kompromittieren. Aber im letzten Moment legt ihn ein neuer Verehrer der Dame Prescott lahm, indem er ihn an eine Schandtat erinnert, mit der er früher einmal eine Geliebte der Parteidoktrin geopfert hat. Er schweigt also. Mary hält das für eine Bestätigung ihres Glaubens an die Menschheit... Schön – oder insoweit nicht schön, als aus dem Spiel der Cornell niemand entnehmen kann, ob sie für den einstigen Liebhaber (mit dem Herzschlag) oder den neuen etwas empfindet. Aber nun: Den präsidierenden Engländer spielt Herr Aylmer, den man aus England herbeigeholt hat und der es wirklich nicht schwer hat, wie ein ruhig überlegener Gentleman zu wirken. Den beteiligten Inder spielt ein richtiger Inder. Den temperamentvoll explodierenden Franzosen spielt ein richtiger Franzose. Einen wilden Tschechen spielt ein Tscheche. Und den Russen spielt ein Herr Ben Astaar, der in Jaffa geboren ist, aber auch in Rußland gelebt hat und vollkommen russisch spricht. Im übrigen sieht er aus wie Malenkow. Was bleibt bei solcher Typensammlung für eigentliche Schauspielkunst noch zu tun?

Man kann ja hoffen, daß dies System, von dem leisere Auswirkungen schon sonst am Broadway zu merken waren, sich hier nur so üppig entfaltet hat durch die Gelegenheit des Stückes mit seinen internationalen Typen. (Aber neulich spielte ein Stück auf Okinawa und drei Viertel der Besetzung waren echte Japaner!) Ich darf daran erinnern, daß Bassermann den "großen Bariton" – einen völlig internationalen Menschen, der überhaupt keine Sprache richtig spricht – hinreißend gespielt hat. Qder daß der berühmteste Darsteller des Franzosen Riccaut de la Marliniere in Deutschland Friedrich Haase war, Sohn eines Kammerdieners aus Potsdam. Wenn aber das Besetzungssystem der "Prescott Proposals" weitergehen sollte, so wäre das der Tod der Schauspielkunst. Julius Bab