Der Bundestagsabgeordnete Stegner ist nicht ganz so freiwillig aus der FDP ausgetreten, wie er es nachher hingestellt hat. Der Landesverband Niedersachsen, dessen Vorsitzender er seit Jahren war, hat heute eine Schuldenlast von mehr als 300 000 DM. Der Vorwurf mangelhafter Dienstaufsicht konnte von Stegner in einer Sitzung des Bundes- und Fraktionsvorstandes nicht entkräftet werden. Es drohte Stegner die Suspendierung von sämtlichen Parteiämtern, vermutlich auch die Einleitung eines Ehrenverfahrens. Dem kam er durch seinen Austritt zuvor.

Stegner hatte in seinem Landesverband eine ungewöhnliche Finanzgebarung einreißen lassen. Bei den übrigen Landesverbänden der FDP müssen größere Ausgaben vom Landesvorstand beschlossen und sie können nur gemeinsam von zwei Zeichnungsberechtigten durchgeführt werden. In Niedersachsen waren Stegner und der Geschäftsführer des Landesverbandes, Freiberger, jeder für sich zeichnungsberechtigt. In vielen Fällen wußte der eine nichts von den Ausgaben des anderen, und der Vorstand war sich über die finanzielle Situation des Verbandes erst recht im unklaren. Stegners Behauptung nach seinem Austritt, er habe persönlich große Geldopfer für die Partei gebracht, begegnet in der FDP dem ironischen Hinweis auf Stegners finanzielle Schwierigkeiten in seiner eigenen Firma.

Aber mehr noch als diese undurchsichtigen Geldgeschichten hat Stegners undurchsichtige Politik seine Stellung in der Partei erschüttert. Eine Zeitlang kokettierte er mit den Rechtsradikalen. Auch mit dem ehemaligen Gauleiter von Hamburg, Kaufmann, und dem ehemaligen Staatssekretär im Promi, Naumann. Der Landesgeschäftsführer Huisgen, einst HJ-Gebietsführer von Kattowitz und Gauamtsleiter von Oberschlesien, 1949 von Stegner, angeblich auf Empfehlung Middelhauves. mit einem ansehnlichen Gehalt nach Hannover geholt, sagte vor dem Oberbundesanwalt in Karlsruhe aus, die Initiative bei dem Kontakt mit Kaufmann und Naumann sei von Stegner und dem Bundestagsabgeordneten Onnen ausgegangen. Huisgen ist bereit, diese Aussage zu beeidigen. Stegner bestreitet ihre Richtigkeit. Es ist aber bekannt, daß er eine "Nationale Sammlungsbewegung" schaffen wollte, die sich auf Teile der FDP in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen, auf einen Teil der DP und verärgerte, vermeintlich noch abseitsstehende Nazis stützen sollte. Aber dann kam die Naumann-Affäre. Sie blieb nicht ohne Eindruck auf Stegner. Vor dem Parteitag in Northeim hielt er eine Rede, die man geradezu als liberal bezeichnen konnte. Das schokierte natürlich seine Freunde von rechts. Andererseits horchte man erstaunt auf dem liberalen Flügel auf, der sich erst kurz vorher unter der Führung des damaligen Bundestagsabgeordneten Hasemann wegen Stegners Rechtskurs vom Landesverband Niedersachsen der FDP losgelöst hatte.

Die Mehrheit der FDP hatte sich schon lange von Stegner distanziert. Nur in gewissen hessischen Kreisen fand er noch Unterstützung. Einige hessische Bundestagsabgeordnete hatten ihn sogar noch für den stellvertretenden Fraktionsvorsitz nominiert. Als die Nachricht von Stegners Ausscheiden kam, fand in Bonn gerade ein Fraktionsabend der FDP statt. Man empfand die eben bekanntgewordene Lösung als Erleichterung. Ein Witzbold stimmte nach der bekannten Melodie den Text an: "Wir wollen unseren Artur Stegner wieder haben, aber den mit dem Bauch, aber den mit dem Bauch" (nicht den mit den Schulden) und alles sang erheitert mit. Die FDP habe viel an Gewicht verloren, spöttelte man im Bundeshaus. (Stegner dürfte an die 250 Pfund wiegen.) Sie habe Ballast abgeworfen, antwortete man in der FDP. Und das ist wohl mehr als ein Bonmot. Robert Strobel