Es hat nicht viel Prophetengabe dazu gehört, daß wir in der ZEIT bereits vor Jahren und kürzlich wieder die Gefahren voraussagen konnten, die dem Gesamtverband des Nordwestdeutschen Rundfunks drohen: Solange schon droht die Teilung, die Auflösung dieses großen Gebildes, dessen Strahlung vier westdeutsche Länder (Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg) umfaßt. Und jetzt hat Karl Arnold, der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, durch den "Rheinischen Merkur" unter dem Motto "Rundfunk-Entflechtung" seine Absicht mitgeteilt, den Sender Köln zu einem selbständigen Unternehmen zu machen. Daß der Sender "Freies Berlin" – bisher ein Bestandteil des NWDR – theoretisch bereits seine Selbständigkeit erlangt hat, läßt den Zeitpunkt, an dem Arnold seine Forderung erhebt, günstig für seine Sache erscheinen. Unter den Gründen, auf denen sein Vorschlag basiert, hebt er die Tatsache hervor, daß 55 Prozent der Funkeinnahmen von den Hörern im Lande Nordrhein-Westfalen aufgebracht werden, und fügt hinzu, "vergeblich jedoch sucht man im Programm das Spiegelbild dieses Leistungsanteils". Wie aber will Karl Arnold praktisch vorgehen?

Bekanntlich waren es die britischen Besatzungsbehörden, die durch die "Verordnung 118" jenen überregionalen NWDR schufen, den Ministerpräsident Arnold ein "künstlich überzüchtetes Gebilde" nennt. Nun rechnet er damit, daß "der britische Hohe Kommissar einem Ersuchen um Aufhebung der Verordnung Nr. 118 jedenfalls für das Gebiet des Landes Nordrhein-Westfalen entsprechen würde, wie dies bei anderen Verordnungen bisher noch stets geschehen ist". Nicht überall aber darf Arnold auf soviel Entgegenkommen rechnen: Schon hat die FDP scharf dagegen polemisiert, daß Ministerpräsident Arnold für sein Land auf funkischem Gebiete etwas regeln möchte, was nach ihrer Ansicht Sache einer Bundesrundfunkregelung sein müßte; schon haben auch der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins und der Bürgermeister Hamburgs ihre Besorgnisse geäußert. In diesem Augenblick, da die Offiziellen zum Kampf um den Rundfunk angetreten sind, erscheint es uns wichtig, Partei für eine Seite zu ergreifen, die meist vergessen wird: es ist die Seite der Funkhörer.

Nach dem Grundgesetz ist Kulturpolitik eine Angelegenheit der Länder (in Funksachen hat der Bund, und zwar sein "Post- und Fernmeldewesen", sich einzig und allein um die Technik und ihre Organisation zu kümmern). Und was das Primat der Länder in kulturellen Dingen besagen soll, ist klar: Der einzelne – in unserem Falle: der Funkhörer – lebt vor allem in seiner Landschaft, ist nahe gebunden an ihre Sorgen, ist teilhaftig ihrer Tradition. Ein vortreffliches Prinzip, solange es nicht dazu dient, über dem Eigenständigen das Größere zu vergessen: das Allgemeine. Wenn also die Kulturautonomie ein ängstlich gehütetes Recht der Länder ist – nun gut. Es sollte aber dennoch auch in die hohen Büros die Kunde von folgender unleugbarer Tatsache dringen: Die Menschen in Nordwestdeutschland wissen mehr von den Menschen, die in der Sowjetzone leben müssen, als beispielsweise die Anwohner des Bodensees. Das ist zum großen Teil das Verdienst des NWDR, dieser überregionalen Sendergruppe, die – wenn auch vielleicht noch nicht genug – so doch viel mehr auch in die Sowjetzone hineingestrahlt hat als irgendein Landessender.

Übrigens ist dies nur eines unter vielen Beispielen, die einen "Zentralismus" in Funksachen nicht gar so schlimm erscheinen lassen, wie mancher Funkföderalist dies glauben machen möchte. Aber gottlob waltet Einsicht – wenn wir’s recht verstehen – auch in den Plänen derer, die für die Teilung des NWDR plädieren.

Da ist folgender Satz des Ministerpräsidenten Arnold, der wert ist, daß er das Urteil, ja die Entschlüsse der übrigen Ministerpräsidenten der unterm Strahlungsbereich des NWDR liegenden Länder herausfordere: "Erst wenn die organisch zusammengehörigen Teile ihr unterschiedliches Eigenleben gewonnen haben, werden sie in freiem Zusammenwirken – etwa durch einen wohl abgewogenen, vertraglich festgelegten Programmaustausch – ein Optimum an Leistung erbringen."

Was ist – so müssen wir hier mit allem Nachdruck fragen – "freies Zusammenwirken"? Soll das Zusammenwirken sich ausschließlich auf das Programm erstrecken? (Ohnehin muß jener Programmaustausch beibehalten werden, solange eben nur eine einzige Welle zur Verfügung steht.) Oder sind noch andere gemeinschaftliche Aufgaben gemeint, als da sind: gemeinsame Technik, gemeinsame Strahlerverwaltung, gemeinsame Auslandskorrespondenten, gemeinsame Etatdirektion und dergleichen? Es scheint, daß Arnold, der von "echter Selbstverwaltung der neuen Rundfunkanstalt", also des geplanten westdeutschen Senders, spricht, den eigentlichen, für den Hörer wirkenden Programmpersönlichkeiten des Funks mehr Freiheit, mehr Möglichkeiten zur Initiative geben möchte, als ihnen bisher gegeben war. Sagt er doch ausdrücklich, daß die "neue Funkanstalt sich frei von staatlichem Einfluß sogar ihre eigenen Normen geben" solle! Auch fügt er einen vielversprechenden Satz hinzu: "In ihre verantwortlichen Organe sollen keine mitbestimmenden Vertreter der Exekutive zwangsweise eindringen oder durch vorbedachte Hintertüren listig einsteigen können."

Freilich, hier ist – wenn auch vergleichsweise zart – ein Vorgang charakterisiert, der oft dem Funk geschadet hat (nicht nur dem nordwestdeutschen), und man muß hinzufügen, daß man nicht nur von Vertretern der staatlich-politischen Exekutive, sondern auch der Parteien, Organisationen, und aller möglichen Interessengruppen sprechen sollte, deren Interesse am Funkwesen sehr, sehr häufig nicht dem Kontakt zwischen den Männern des Mikrophons und den Hörern diente, wohl aber höchst selbstsüchtiger Kontrolle. Würden all die Gremien ausgeschaltet, die hinter den Türen Einfluß nehmen, es wäre viel gewonnen. Denn wie oft haben Beschlüsse, Einsprüche und Hinweise jener Gruppen zu nichts anderem Erfolg gehabt als zur – Langeweile der Hörer

Wenn tatsächlich eine Teilung des NWDR dazu dienen sollte, daß zukünftig weniger "verwaltet" und mehr gestaltet wird, ja, daß die Absichten, die Leistungen und die Loyalität von Persönlichkeiten höher gewertet werden als die Macht der undurchdringlichen Anonymität, so hätte das Zerschlagen des überregionalen NWDR – der übrigens allein mit dem Bayerischen Rundfunk gemeinsam hat, daß er schuldenfrei ist – wenigstens auch sein Gutes. Sollte aber die Trennung nicht mehr vermieden werden können, so ist praktisch nur eine Lösung denkbar – und hierauf sollten die Ministerpräsidenten der beteiligten nordwestdeutschen Länder unter diesen Umständenalle Aufmerksamkeit richten!–, daß nämlich die beiden Intendanzen der Sender Köln und Hamburg mit Hilfe der Vertreter der Länder eine neue gemeinsame Verbindungskette schmieden, die durch starke Vertragsklammern haltbar gemacht wird: Gemeinsame Aufgaben – gemeinsam verwalten! Was der NWDR in seiner Geschlossenheit Gutes geleistet hat – nicht zwar auf parteipolitischem, gewiß aber auf allgemein politischem und kulturellem Gebiet – sollte auf jeden Fall die Basis für die zukünftige Arbeit abgeben: Es war und ist, solange der NWDR zusammenhält, eine Tendenz wirksam, die auf das Allgemeine zielt. Eben dies hat der NWDR bisher allen anderen Sendern voraus, also daß er – der manch harte Kritik ertragen mußte – auch manches Dankeswort verdiente, sollte es denn sein, daß seine Auflösung unabänderlich ist... JosefMarein