R. S., Bonn

Das Wappentier Berlins, der Bär, hat eine neue Aufgabe bekommen: er soll uns aus seiner heraldischen Beschaulichkeit an den Autobahnen an die Stadt seiner Herkunft, an den schweren Existenzkampf ihrer Bewohner und damit an das Schicksal unseres geteilten Vaterlandes erinnern. Alle 100 Kilometer wird an den Autobahnen ein Meilenstein mit dem von Renée Sintenis geschaffenen Berliner Bär stehen, dazu die Kilometerzahl der jeweiligen Entfernung vom Berliner Dönhoffplatz. Der erste dieser Meilensteine wurde an der Autobahn Köln–Frankfurt, etwa 25 Kilometer von Bonn, in Anwesenheit des Bundespräsidenten, des Vizepräsidendenten des Bundestages, Professor Schmid, des Bundesbeauftragten für die Förderung der Berliner Wirtschaft, Dr. Bucerius, der die Feier arrangiert hatte, mehrerer anderer Bundestagsabgeordneten, der früheren Bürgermeisterin von Berlin, Frau Schroeder, des Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Altmeyer, des Senators der Stadt Berlin, Ullmann, und anderer bekannter Repräsentanten von Politik und Wirtschaft eingeweiht.

Der Bundespräsident gab der Feier den angemessenen Akzent: Man habe keine pathetische Denkmalsweihe vorgenommen. „Die so feine als liebenswürdige Kunst von Renée Sintenis würde sich dagegen in sich gewehrt haben.“ Nein, eine pathetische Feier hätte, weder zu dem auch der geschäftlichen Werbung dienenden Anlaß noch zu den Menschen gepaßt, derer man dort gedachte. Denn nichts ist dem Berliner, wenn er von sich selbst spricht oder wenn andere von ihm und seiner Sache sprechen, weniger erträglich als Pathos. Sein Wappentier ist denn auch ein eher dem Drolligen als dem Pathetischen zugewandtes Symbol. Wenn Bären bitten, tun sie es auf eine possierliche Art. Auch der Berliner Bär wird als Werber für seine Stadt den Schuß Humor nicht verleugnen, der seinen Landsleuten eigen ist. Aber es klang bei einer Feier auch der ganze Ernst der Lage Berlins an. Der Bundespräsident deutete auf die politische, wirtschaftliche und seelische Verkrampfung, die ein längst sinnlos gewordenes Diktat mit der Zerreißung unseres Landes und seiner einstigen Hauptstadt angerichtet hat. – Dr. Bucerius skizziert; die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Berlins, aber auch die Möglichkeit ihrer Überwindung durch entsprechende Geschäftsaufträge aus Westdeutschland, an deren Erteilung der kleine Bär erinnern soll. – Professor Schmid pries den Freiheitssinn und den Widerstandsgeist der Berliner, die uns mit ihrem Mut vor der Welt einen unschätzbaren Dienst erwiesen haben. Kein anderer Ort außer Berlin könne Deutschlands Kapitale sein, und solange sie es nicht sei, werde die Bundesrepublik in einem viel tragischeren Sinne ein Fragment bleiben, als es die Väter des Grundgesetzes gemeint hätten.

Vor mehr als einem Jahr hatte der Berliner Parlamentspräsident Suhr an Dr. Bucerius einen Glückwunsch mit einem kleinen Bär als Symbol der Stadt Berlin gesandt. Das war der Ursprung der nun in die Tat umgesetzten Idee, an deren Verwirklichung auch der inzwischen verstorbene Berliner Bürgermeister Reuter Anteil hatte. Der Sprecher Berlins gab bei jener Feier der Hoffnung Ausdruck, daß der kleine Bär rasch wachsen möge, damit er die gewohnte Größe des Berliner Wappentiers erreiche und dann dessen Aufgabe wieder im vollen Umfange übernehmen könne.

Möge das, was wir jetzt als ein Mahnmal an unsere Straßen setzen, in nicht zu ferner Zeit nur mehr ein Erinnerungszeichen sein an einen Zustand, dessen Unhaltbarkeit die Welt längst eingesehen hat!