Fast genau auf den Tag, fünfundzwanzig Jahre ist es her, daß Heft 1 der Zeitschrift Atlantis erschien, so begann Martin Hürlimann seine Rede vor weit über 100 Zuhörern, die gekommen waren, um mit ihm im Zunfthaus zum Rüden in Zürich dieses Jubiläum zu feiern. Es waren Notabeln der Stadt und des Kantons erschienen, Professoren der Universität und der Eidgenössischen Technischen Hochschule, Dichter, Journalisten, Verleger und Freunde des Hauses. Und auch wir ehemaligen Angehörigen des alten Berliner Verlages, die Hitlerzeit und Krieg aus unserer Stadt vertrieben und versprengt hatten, waren gekommen, aus München, Paris, Stuttgart, Freiburg und Hamburg.

Länder – Völker – Reisen, so lautet der Untertitel der Zeitschrift, und ihren Namen hat sie von Platons Insel, die irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit gelegen ist. Damit ist ausgedrückt, daß diese Länder, in die man mit der Zeitschrift reist, auch die Reiche des Geistes umfassen, daß diese Völker nicht als fremde Erscheinungen in der Seltsamkeit ihrer Bräuche, sondern als Menschen dargestellt werden, die den ihnen zugewiesenen Platz in der Welt auf ihre Weise ausfüllen. Es ist ein durchaus humanistisches Ideal, dem die Zeitschrift nachstrebt, und um dies ganz deutlich zu machen, genügt es, nur einige wenige unter den vielen Mitarbeitern mit Namen aufzuzählen: Mechtild Lichnowski, Ricarda Huch und Rudolf Kassner.

Nachdrücklich wies Hürlimann in seiner Rede darauf hin, daß Berlin vor 1933 ein idealer Ort war, um eine so weltläufige Zeitschrift zu gründen. Hier war ein wirklicher Brennpunkt des Geschehens, hier konnte man fast alle geistigen und künstlerischen Anforderungen, die man stellte, befriedigen, an allen wichtigen gesellschaftlichen Ereignissen teilnehmen und doch zugleich, wenn einem daran lag, völlig anonym leben. Dies änderte sich, als Hitler die Herrschaft über Deutschland usurpierte.

Hürlimann sprach von der Überschneidung zwischen Nation und Sprachgebiet, die unter den Nazis zur Problematik wurde und wie ein ständiger Kontrapunkt seine Arbeit begleitete. Zu Recht konnte er mit einem gewissen Stolz betonen, daß niemals ein Bild irgendeines prominenten Nazis und erst recht kein Hitlerbild, in Atlantis erschienen ist. (Werner R. Deusch, der Berliner Redakteur der Zeitschrift, kann ein Lied davon singen, wie ihn die Dienststellen des Propagandaministeriums in dieser Hinsicht tribuliert haben).

Für unseren damaligen Kreis in Berlin war Atlantis eine Insel des Friedens – abermals wie bei Platon, zwischen Traum und Wirklichkeit. In seiner Rede erzählte Hürlimann von den Verlagsabenden, die wir im Krieg veranstaltet haben, damit er bei seinen Berliner Besuchen mit unseren Autoren sprechen konnte. Theodor Heuss, der heutige Bundespräsident, gehörte zu diesen Autoren, und Hürlimann hat ihm und seiner verehrungswürdigen Gattin besonders rühmende Worte in seiner Rede gewidmet.

Es kam das Ende. Für den Atlantis-Verlag sah das so aus: In einem Lagerschuppen, des Berliner Westhafens wurden Zehntausende von Orbis Terrarum-Bänden, herrlichen Bildbänden über Länder aller Erdteile, vernichtet. Bei Meisenbach und Rieffarth wurden alle Farb- und Schwarz-Weiß-Filme und Dias für kommende Veröffentlichungen durch Bomben vernichtet. Es folgte die Zerstörung des Bibliographischen Instituts in Leipzig, bei dem Atlantis gedruckt wurde. Wir "wichen aus", nach Köthen und dann nach Freiburg im Breisgau, wo uns der Herder-Verlag gastlich aufnahm. Das Propagandaministerium entzog uns das Papier. Dann wurde in dem sinnlosen Bombenangriff, der die friedliche Stadt Freiburg zerstörte, auch der Rest der Verlagsbestände bei Herder vernichtet. Vorher schon war unser schönes Verlagsgebäude in Berlin in der Teplitzer Straße völlig zerbombt.

Atlantis hat den Zusammenbruch überlebt. Man spricht so viel vom deutschen Wunder. Hier sollte man von einem schweizerischen Wunder sprechen. In der Kriegszeit, die auch für die Schweizer Verlage viele Schwierigkeiten mit sich brachte, hatte Hürlimann den Züricher Atlantis-Verlag entwickelt, und als Atlantis in Deutschland mit Hilfe des Papierentzuges verboten wurde, begann er sofort mit der Schweizer Ausgabe. Heute ist Atlantis wieder in Deutschland wie in der Schweiz verbreitet, sein Ruf und seine Qualität sind so wie früher. Wir alten Atlantiden freuen uns darüber.

Richard Tüngel