Von Hans Egon Gerlach

Im Hodler-Saal des Züricher Kunsthauses spielte vor zwei Jahren, am Abend eines glühenden, vom Föhn bedrängten Sommertages, ein Schweizer Kammerorchester moderne Musik. An den Wänden hingen, für einige Wochen aus dem Norden hier zu Gast, Bilder von Edvard Münch; großformatige, rauschhaft farbige Leinewände, stark und geheimnisvoll schweigende Bilder aus der zweiten Lebenshälfte, aus den letzten Lebensjahren. Die Musik schien, stärker noch als von den Stielenden her, aus den Bildern zu kommen, heftiger an der Dissonanz, mächtiger in der Harmonie, gewaltsamer und bedrohlicher. Der Maler selbst, der über dem Dirigenten an der Wand erschien – auf einem seiner letzten Selbstbildnisse, schmal und dunkel neben der dunklen Uhr, mit lauschend erhobenem Kopf – schien das Konzert zu hören und die Stimmen zu führen.

Jene Züricher Ausstellung ermöglichte zum ersten Male auf dem Kontinent die Zusammenschau früher und später Bilder des großen Norwegers. Es ergab sich, daß das meiste von dem, was in den letzten fünfzig Jahren gemalt wurde und gemalt wird, beiseite geschoben wird von dieser Hand, die den Pinsel, den Stift, die Nadel handhabte wie einen Geigenbogen, wie eine Axt und wie eine Sonde. Daß sehr vieles von dem, was gedacht wurde und gesagt wird, genauer gesehen war und unvergänglicher formuliert wurde von diesem scheuen Sonderling, der den zweifelnden, Intellekt und die nervöse Reizbarkeit des späten Modernen verbindet mit der zeichensetzenden Kraft des Primitiven. Von diesem naiven, einsamen Geist, der alles in sich zu enthalten und zu durchleiden scheint, was in den letzten hundert Jahren im Menschen wuchs und explodierte, der die Bedrohung vollzieht und zugleich alle mögliche Rettung und Heilung. Der den Teufel an die Wand malt als einer der ersten. Und wie einer der letzten den Geist beschwört.

Vor der Jahrhundertwende wurde in den Bildern Munchs unser Jahrhundert eröffnet, begann sichtbar, von sehr wenigen begriffen, unsere Gegenwart, unsere Zeit – erschreckend teils und teils befreiend, alarmierend jedenfalls für die, die damals den Zeichen dieser Linienschrift zum erstenmal begegneten. Wer ihnen heute erneut begegnet, dem mag es scheinen, daß in diesen Zeichen unsere Zeit beschlossen sei, daß sie hier sich öffne und zugleich wieder vor uns sich verschließe – ehe wir sie noch ergriffen haben.

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Über acht Jahrzehnte erstreckt sich der Lauf seines Lebens, bis in unsere jüngste Vergangenheit. Er beginnt in Norwegen, springt nach Berlin, nach Paris, führt unruhig, von Krankheit, Neurose und Geldlosigkeit bedroht, hin und her über den Kontinent, ein immer hastigerer Rösselsprung, dessen Ziel – einige Jahre nach der Jahrhundertwende und nach der Lebensmitte – das Sanatorium des Nervenarztes Dr. Jacobsen in Kopenhagen zu sein scheint, kehrt zurück an den Ursprung, nach Norwegen, und endet hier, nach Jahrzehnten äußerer Sicherheit und scheinbarer Seßhaftigkeit, in einem der unbehausten Zimmer eines seiner unbewohnten Häuser – auf Ekely, am Rande von Oslo. Der Weg des Malers Munch beginnt lautlos und unsichtbar, wird sichtbar mit der Plötzlichkeit einer Rakete, verursacht Lärm, Getöse und hallendes Echo, wird wieder still und vollendet sich lautlos.

Vor zehn Jahren, als am 23. Januar Munch starb, war Norwegen besetzt von deutschen Soldaten und Funktionären. Und in Deutschland waren Munchs Bilder aus allen öffentlichen Sammlungen entfernt als "entartete Kunst". Hier wie dort erinnerten sich nur noch wenige, daß der Durchbruch dieser Malerei an die Weltöffentlichkeit vor einem halben Jahrhundert von Deutschland aus begonnen latte, mit dem "Skandal" der ersten Münch-Ausstellung im Berliner Künstlerverein.