Nach einem aufregenden Spiel von höchster Spannung unterlag in der ausverkauften Messehalle von Göteborg die deutsche Nationalhallenhandballmannschaft im Kampf um die Weltmeisterschaft im Hallenhandball der schwedischen Nationalmannschaft mit 14:17 Toren. Ein Sieg der schon seit Jahren in der Halle als unschlagbar geltenden Schweden wurde allgemein angenommen, das knappe Resultat aber kam unerwartet, und man kann es ohne Übertreibung als einen schönen Erfolg der deutschen Spieler bezeichnen, auch wenn sie nun ihren seit 16 Jahren besessenen Titel abgeben mußten.

Der Titel, um den es diesmal ging, wurde im Jahre 1938 zum erstenmal vergeben, und damals siegte in Berlin Deutschland vor Österreich und Schweden. Dann traf man sich nicht wieder. Und erst am vergangenen Wochenende traten nach 16 Jahren Pause wiederum sechs Nationen an, die sich in Ausscheidungsspielen für die Endrunde qualifiziert hatten. Deutschland war also der Verteidiger der Trophäe, die der internationale Hallenhandballsport als höchste Ehrung zu vergeben hat, und das konnte insofern nicht wundernehmen, als Handball eine rein deutsche Sporterfindung ist, die sich zwar im Heimatlande mit ungestümer Kraft und einer geradezu verblüffenden Schnelligkeit in wenigen Jahren durchsetzte, im Auslande aber erst langsam zur Geltung kam. Von dem Moment an, da man den Reiz und den Wert dieses Spieles voll erkannt hatte, gab es auch in den fremden Ländern kein Halten mehr, und Handball wurde bald eines der beliebtesten und verbreitesten Sportspiele. Selbst in dem mit Ballkampfspielen sehr verwöhnten Amerika gewann es schnell immer mehr Freunde.

Zumeist ist es im Sport doch so, daß erst die Männer eine Sache aufgreifen, und wenn die Geschichte läuft, dann auch langsam die Frauen Geschmack daran gewinnen und in die Kampfbahn treten. Beim Handball verhielt es sich gerade umgekehrt. Hier waren die Frauen die Wegbereiter, die Männer folgten zunächst nur zaghaft, um dann allerdings mit aller Kraft und Energie an den Ausbau dieses rassigen Kampfspieles heranzugehen. Sein Schöpfer ist Karl Schelenz, der einst an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen im Grunewaldstadion zu Berlin als Sportlehrer wirkte und auf ihr mit seinen Zöglingen dem Spiel seine Regeln und ein System gab. Entstanden aber ist Handball aus einem reinen Frauenspiel, das erstmalig um 1916 herum von Turnerinnen des Berliner Turnrats gespielt wurde. Man nannte es Torball. Keine andere Leibesübung sonst hat je eine so stürmische Entwicklung genommen, vielleicht vornehmlich bedingt durch seine leicht faßliche Form, die es im übrigen auch als das ideale Pflichtspiel im Rahmen, der sportlichen Allgemeinausbildung der Polizei und der Reichswehr erschienen ließ. Kein Wunder daher, daß die Berliner Polizisten allein zehnmal sich mit dem deutschen Meistertitel schmücken konnten und neben ihnen in der Ehrenliste auch noch mancher andere Polizeisportverein erscheint, in den letzten drei Jahren ununterbrochen die Elf des PSV Hamburg.

Alle, die sich diesem Spiele verschrieben, waren so begeistert von ihm, daß man jede nur mögliche Gelegenheit wahrnehmen wollte, sich in ihm zu betätigen: man verlegte also dieses Spiel auch in die Halle. Der zwangsläufig bedingte kleinere Spielraum verlangte, daß statt der elf Spieler, die in einem Feldhandballspiel gegeneinander kämpfen, nur deren sieben antreten, aber im Gegensatz zu dem Spiel im Freien gibt es bei dem Hallenhandball die Möglichkeit, Spieler auch auszuwechseln, wenn sie nicht verletzt, sondern höchstens nur ermattet sind. Auch die Spielzeit in der Halle ist kürzer, was durchaus verständlich erscheint; denn ein Herumtoben in einer Halle strengt doch noch mehr an als in der frischen Luft. Man hat auch noch einige weitere kleine Änderungen der Spielregeln vorgenommen: So dürfen in der Halle mit dem Ball in der Hand nur drei Schritte gelaufen werden, dann muß der Ball aufgeworfen werden, wieder drei Schritte gelaufen und alsdann unbedingt der Ball abgeworfen werden. Auch ist das Sperren des Gegners mit Armen, Händen und Beinen stets verboten, beim Feldhandball nur gegenüber dem Gegner ohne Ball. Und schließlich gibt es in der Halle auch keine Strafecke, ebensowenig kann der Torwart eine Ecke verwirken.

Daß gerade in Skandinavien und vornehmlich in Schweden das Hallenhandballspiel gepflegt und entwickelt wurde, leuchtet ein. Man ist dort, durch die Witterung bedingt, mehr als anderswo auf Hallenspiele angewiesen. Besonders Schweden entwickelte einen ganz eigenen Stil, züchtete hervorragende Kreisläufer, Sprung- und Fallwerfer mit geradezu schon akrobatischen Eigenschaften heran. Man sammelte in fast 50 Länderkämpfen große Erfahrungen und schuf mit dem "nordischen Betonsystem" eine Defensivtaktik, die von allen Gegnern außerordentlich gefürchtet ist und sich immer wieder durchsetzte. In ihrer eigenen Halle wurden die Schweden noch niemals geschlagen, das beste Resultat gegen sie war das Unentschieden, das Deutschland einmal gegen sie erzielte. W. F. Kleffel