Acht Jahre lang, haben sich die französischen Gerichte Zeit gelassen, um festzustellen, daß der Straßburger Kriegsbürgermeister Dr. Ernst die deutsche Staatsangehörigkeit hat und infolgedessen nicht wegen Zusammenarbeit mit dem Feind angeklagt werden kann. Dann erst ordneten sie seine Enthaftung an. Diesem einzigartigen Skandal – acht Jahre Untersuchungshaft zur Feststellung der Staatsangehörigkeit – ist jetzt ein zweiter gefolgt, der nicht weniger bemerkenswert ist. Im Anblick der deutschen Grenze, über die der soeben freigelassene Dr. Ernst nach Deutschland zurückkehren sollte, würde er auf Anordnung der Pariser Regierung abermals verhaftet und nach Frankreich verschleppt. Angeblich will man jetzt prüfen, ob ihm ein Kriegsverbrecherprozeß wegen Teilnahme an Deportationen im Kriege gemacht werden kann. Dies vor den Gerichten eines Landes, das deutsche Kriegsgefangene, die ihm von den anderen Alliierten ausgeliefert wurden, nach dem Kriege jahrelang zur Zwangsarbeit anhielt und das heute noch in Deutschland Rekrutierungen vornimmt, um seine Fremdenlegion aufzufüllen.

Man wird zugeben, daß dies mit Justiz keinerlei Ähnlichkeit mehr hat. Fast hat man den Eindruck, als handele es sich bei der französischen Regierung darum, um höherer politischer Ziele willen die Beziehungen zur Bundesrepublik zu belasten, damit die Deutschen selbst auf die von ihnen eingeleitete Verständigungs- und EVG-Politik verzichten. Oder sind es noch die alten Racheinstinkte, die sich hier in der Form der Gerichtsbarkeit auswirken? W.