Von Stefan Zweig

Fast unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit hat Stefan Zweig während des Krieges in Stockholm einen neuen Essay über Marcel Proust herausgegeben – über jenen großen französischen Autor, dessen großer Romanzyklus in deutscher Neuausgabe jetzt der Suhrkamp Verlag (Frankfurt) verlegt: "In Swanns Welt" ist als erstes bereits erschienen. Statt einer Buchbesprechung möchten wir daher jenen Essay Zweigs heute ver-– öffentlichen: in seiner knappen, verdichteten Formulierung ist es die beste Anzeige der so verdienstvollen Neuausgabe – ein Porträt, das aber auch um seiner selbst willen die durch widrige Zeitumstände vorenthaltene Beachtung verdient.

Er ist geboren um den Ausgang des Krieges, am 10. Juli 1871 in Paris, Sohn eines berühmten Arztes, einer reichen, überreichen Burgerfamilie. Aber weder die Kunst des Vaters noch das Millionenvermögen der Mutter vermögen ihm die Kindheit zu retten: mit neun Jahren hört der kleine Marcel für immer auf, gesund zu sein. Zurückkehrend von einem Spaziergang im Bois de Boulogne, wird er von einem asthmatischen Krampf überfallen, und diese fürchterlichen Anfälle zerpressen ihm die Brust sein Leben lang bis zum letzten Atemzug, Fast alles bleibt ihm seit seinem neunten Jahr verboten: Reisen, muntere Spiele, Beweglichkeit, Übermut, alles, was man Kindheit nennt. So wird er früh schon Beobachter, feinfühlig, zartnervig, leicht irritiert, ein Wesen von unerhörter Reizbarkeit der Nerven und Sinne. Er liebt leidenschaftlich die Landschaft, aber nur selten darf er sie sehen und niemals im Frühling; da sticht der fein: Staub der Pollen zu schmerzhaft auf die entzündlichen Organe. So fährt er manchmal in verschlossenem Wagen hinaus, um hinter gläsernen Fenstern die geliebten Farben, die atmenden Kelch; zu sehen. Und er nimmt Bücher, Bücher, Bücher, um von Reisen zu lesen, von den ihm nie erreichbaren Landschaften. Um so delikater wird seine Wahrnehmung alles Menschlichen: Der Stimmfall eines Gespräches, die Art, wie jemand sich an einen Tisch setzt und davon aufsteht.

Ursprünglich haben die Eltern ihn zur Diplomatie bestimmt, aber an seiner schwachen Gesundheit scheitern alle Vorsätze. So verschleudert er seine Jahre in Gesellschaften und Salons, führt bis zu seinem fünfunddreißigsten Jahre eigentlich das lächerlichste, läppischeste, sinnloseste Schlenderleben, das je ein großer Künstler geführt, treibt sich als Snob durch alle Veranstaltungen der reichen Müßiggänger, die man Gesellschaft nennt, ist überall dabei und wird überall empfangen. Überall lehnt er in einer Ecke, schmiegt sich in ein Gespräch, und seltsamerweise duldet auch die hohe Aristokratie des Faubourg Saint-Germain den namenlosen Eindringling; dies ist eigentlich für ihn sein höchster Triumph. Denn äußerlich hat der junge Marcel Proust keinerlei Qualitäten. Er ist nicht sonderlich hübsch, nicht sonderlich elegant, er ist nicht von Adel und sogar der Sohn einer Jüdin. Auch sein literarisches Verdienst legitimiert ihn nicht, denn dies eine kleine Bändchen "Les plaisirs et les jeux" hat trotz seiner Gefälligkeitsvorrede von Anatole France weder Gewicht noch Erfolg. Was ihn beliebt macht, ist einzig seine Generosität: er überschüttet alle Frauen mit kostbaren Blumen, überhäuft alle Welt mit unvermuteten Geschenken, lädt jeden ein, zermartert sich den Kopf, auch dem nichtigsten Gesellschaftslaffen gefällig und sympathisch zu sein. Im Hotel Ritz ist er berühmt durch seine Einladungen, seine phantastischen Trinkgelder.

Fünfzehn Jahre lang führt so ein hoher Geist, einer der stärksten Gestalter unserer Epoche, ein derart sinnloses Leben zwischen Nichtstuern und Arrivisten, tagsüber erschöpft und fiebrig im Bette liegend, abends im Frack von Gesellschaft zu Gesellschaft eilend, der überflüssigste Mensch in diesem täglichen Tanz der Eitelkeiten; überall gern gesehen, nirgends wahrhaft bemerkt, eigentlich nur ein Frack und eine weiße Binde zwischen anderen Fräcken und weißen Binden.

Bloß ein einziger Zug unterscheidet ihn von den anderen. Jeden Abend, wenn er nach Hause kommt und sich ins Bett legt, unfähig zu schlafen, schreibt er Zettel auf Zettel voll mit Notizen über das, was er beobachtet, gesehen und gehört. Allmählich werden es ganze Stöße, die er in großen Mappen bewahrt. Geht er in die Salons einzig wie ein Chemiker ins Laboratorium, wie ein Botaniker auf die Wiese, um unauffällig Material zusammenzuraffen für ein großes einmaliges Werk? Verstellt er sich, oder ist er wahr, ist er Mitkämpfer in der Armee der Tagvergeuder, oder bloß ein Spion aus einem anderen, höheren Reich?

Plötzlich ändert sich die Szene. 1903 stirbt seine Mutter, und kurz darauf stellen die Ärzte die Unheilbarkeit seines Leidens fest, das sich immer mehr verschlechtert. Mit einem Ruck reißt jetzt Marcel Proust sein Leben herum. Hermetisch schließt er sich in eine Klause ein, über Nacht wird aus dem gelangweilten Flaneur und Faulenzer einer der erbittertsten, pausenlosen Arbeiter, den dieses Jahrhundert im Literarischen zu bewundern hat; über Nacht wirft er sich herum von zerstreuendster Geselligkeit in die allereinsamste Einsamkeit. Tragisches Bild dieses großen Dichters: immer liegt er im Bette, den ganzen Tag, immer friert sein magerer, ausgehusteter, von Krämpfen geschüttelter Körper. Er hat im Bett drei Hemden aufeinandergezogen, wattierte Plastrons über der Brust, dicke Handschuhe an den Händen – und friert doch und friert. Im Kamin brennt Feuer, nie wird das Fenster geöffnet, denn schon, die paar erbärmlichen Kastanienbäume mitten im Asphalt tun ihm weh mit ihrem schwachen Geruch. Erst spät abends rafft er sich auf, ein bißchen Licht, ein bißchen Glanz, seine geliebte Sphäre von Eleganz, ein paar aristokratische Gesichter zu sehen. Der Diener zwängt ihm den Frack an, schlägt ihn ein in Tücher und hüllt seinen dreimal umkleideten Körper in Pelze. So fährt er ins Ritz, um mit ein paar Menschen zu sprechen, seine vergötterte Sphäre, den Luxus, zu sehen. Vor der Tür wartet sein Fiaker, wartet die ganze Nacht und fährt dann einen Todmüden wieder ins Bett zurück. In Gesellschaft geht Marcel Proust niemals mehr –, oder doch, ein einzigesmal: er braucht für seinen Roman das Detail der Haltung eines vornehmen Aristokraten. So schleppt er sich, alles staunt, einmal in einen Salon, um den Herzog von Sagan zu beobachten, wie er sein Monokel trägt.