Absetzung des Skupschtina-Präsidenten Djilas zeigt schwere Krise des Tito-Regimes

Der Exekutivausschuß der Kommunistischen Partei Jugoslawiens hat den Parlamentspräsidenten Milovan Djilas, der gleichzeitig stellvertretender Ministerpräsident war und eine ganze Reihe anderer Ämter bekleidete, aller seiner Funktionen enthoben. Den Ausschlag gab eine Erklärung Titos, Djilas habe versucht, die Partei zu liquidieren, und habe den Staat gefährdet.

Es ist eine schwere Krise, die gegenwärtig das Tito-Regime erschüttert. Der Mann, um den sie sich entwickelt hat, ist nicht irgendein beliebiger kommunistischer Funktionär. Der Montenegriner Milowan Djilas ist vielmehr einer der glänzendsten Männer aus dem Kreis Titos, dem Range nach der dritte Mann im Staate, jung, gut aussehend, ideologisch musterhaft bewandert, für kommunistische Verhältnisse auffallend geistreich und überdies ein verwegener alter Kämpfer des Partisanenkrieges. Wie ernst Tito selbst die Krise nimmt, zeigt sein Befehl, die Sitzung des Exekutivausschusses, in der Djilas seiner Ämter enthoben wurde, durch den Rundfunk zu übertragen.

Reuetränen

So konnte die Bevölkerung am Sonntag stundenlang die erbitterten Ankläger hören, die Djilas vorwarfen, er habe durch eine Artikelserie in dem Belgrader Parteiblatt Borba die Grundlagen des Regimes attackiert und die Wiederherstellung des Kapitalismus versucht. Die Hauptankhgen kamen von den slowenischen Parteiführern, hinter denen der zweite Mann im Staat, Titos Stellvertreter Kardelj, steht. Tito selbst erhob sich zweimal, um gegen seinen alten Kampfgenossen Djilas zu sprechen. Nur der Propagandachef Dedijer – gleichzeitig Titos Biograph – verteidigte ihn, wahrscheinlich, weil er fürchtete, auch selbst verantwortlich gemacht zu werden. Djilas, der noch vor wenigen Tagen so fest zu seinem Kurs gestanden hatte, gab gebrochen und fast weinerlich zwei reumütige Erklärungen ab, in denen er seine Irrtümer bekannte und Besserung gelobte. Nach Ton und Inhalt erinnerten seine Worte an die Geständnisse anderer Angeklagter aus kommunistischen Schauprozessen. Seine Reue nützte ihm nichts. Der Parteiheros von gestern, den man erst vor vier Wochen zum Parlamentspräsidenten gewählt hatte, war über Nacht zu einer Figur des Jammers geworden. – Das zu zeigen, war zweifellos der Zweck der Rundfunkübertragung. Die Drohungen, die dies zuwege gebracht hatten, waren im Rundfunk nicht zu hören.

Was waren seine Fehler? Schon vor einigen Monaten hatte Djilas begonnen, die Partei zu kritisieren, erst vorsichtig, dann schärfer. Am 31. Dezember schrieb er in der Borba, der (kommunistische) Bürokratismus sei "ein ärgerer Feind des Sozialismus als der Kapitalismus selbst". Alle Bürger müßten gleichberechtigt sein, und die Vormundschaft der Kommunisten müsse beseitigt werden.

Das ist natürlich eine scharfe Kost für einen Funktionärsapparat, der von dieser Vormundschaft lebt und der eben diesen Bürokratismus darstellt. Besonders die kleinen und mittleren Funktionäre mögen dadurch in Rage gebracht worden sein. Aber Djilas griff auch die Großen an. Unter dem Titel "Anatomie einer Moral" protestierte er heftig gegen den gesellschaftlichen Boykott, den die oberste Führerclique mitsamt ihren Frauen gegen die junge Gattin des Generalstabchefs Peko Daptschewitsch in Gang gesetzt hätte, weil sie – bei Kriegsende dreizehn Jahre alt – keine Partisanin war. In diesem Artikel sprach Djilas von der "vollkommenen Monstrosität und Unmenschlichkeit einer geschlossenen Gruppe hoher Persönlichkeiten" und von ihrer bürokratischen Lebensauffassung. Er warf ihnen vor, daß sie in "parvenühaften Büros" sitzen, daß sie dieselben Kurorte, dieselben Villen und dieselben Logen in Theatern und Sportstadien bevölkern wie vordem die Kapitalisten. Kein Wunder, daß dieser Artikel eine gewaltige Erbitterung unter der Creme der titoistischen Gesellschaft hervorrief; insbesondere die Frauen der Parteibonzen forderten Strafe für Djilas und für Daptschewitsch.