Die Leu mordet – Größte Katastrophe in der Geschichte Vorarlbergs – Die Opfer von Bfons

Von Volkmar v. Zühlsdorff

Blons, im Januar

An der Pfarrkirche zu Blons im Großen Walsertal stand für Samstag, den 16. Januar, das Fest des heiligen Marcellus verzeichnet, sonst nichts. Als der Pfarrer die Gottesdienstordnung vor einer Woche anschlug, war seine Gemeinde von 380 Seelen unversehrt. Heute liegt, ausgebreitet wie ein Opfer an den Stufen des Altars, im Sanktuarium und vor der Kommunionbank die Ernte, die der weiße Tod an einem Tag gehalten hat. Fünfundvierzig sind es, Männer und Frauen, Mädchen, ’Jünglinge und Kinder, Seite an Seite gereiht, in den ärmlichen Kleidern, wie die Lawine sie überraschte. Zwei starben im Hospital, und acht, die man nicht finden konnte, ruhen noch unter Trümmern und Schnee. Unverhüllt liegen die Leichen, keine Decke, kein Leintuch birgt ihre menschliche Armseligkeit – manche, als schliefen sie nur, andere blau und verfärbt, grausam verstümmelt von stürzenden Balken oder erstarrt im Kampf um das Leben, so daß ihre Glieder nur mit sanfter Gewalt dem Frieden des Todes sich fügten.

Draußen, auf dem Friedhof, hat man ein Massengrab für sie ausgehoben, zehn Meter lang, fünf Meter breit; dort bettet man sie, nach Familie und Verwandtschaft geordnet, zur Ruhe. Nur wenige Menschen sind zugegen, der Lehrer, der die Liste führt, ein paar Helfer, ein paar Gendarmen, ein paar Kinder und der Pfarrer, der das feierliche Totenamt lesen wird.

Medikamente statt Särge

Man hätte sie gern in Särgen bestattet, aber die hätte man nur durch die Luft herbeischaffen können, und die Amerikaner entschieden, Medikamente, Kleider und Lebensmittel für die Überlebenden seien wichtiger. Auf ihren Hubschraubern ruht die Last der Versorgung für die abgeschnittenen Gemeinden, seit die kleinen Maschinen der eidgenössischen Bergwacht und Armee, die zuerst zur Stelle waren, anderswo eingesetzt sind.