Das alles ist nur Blons. Bartolomaeberg, Bregenzer Wald, Sonntag, Fontanelle, St. Gerold, Dalaas und Schruns sind ebenfalls, wenn auch weniger hart, betroffen. In St. Gerold riß die Lawine eine Kapelle mit und mehrere Häuser. Eines la; über dem Weg. Ein Balken, eine zerbrochene Tür, ein Telefonbuch, ein aufgeschlagenes Schulheft blickten aus dem Schnee. "Österreich ist ein armes Land", las man in steiler, vom Schnee verwischter Jungen-Schrift...

Ein Mädchen stand auf den Trümmern, wir sahen es schon von weitem, ohne Mantel, mit rotgefrorenem Gesicht. Mit bloßen Händen grub sie planlos im Schnee. "Die Hedwig ist nicht wegzubringen", flüsterte uns eine Einheimische zu, "ihre Mutter kam hier um." Auch Onkel und Tante hatte sie verloren, und die Geschwister Juliane und Martin sind im Krankenhaus in Bludenz. Sie hat sie noch nicht besucht – "wenn nur das Haus noch da war", sagt sie immer wieder leise.

Der Ort Dalaß verdankt seine Rettung einem glücklichen Umstand: der Arlberg-Expreß stand gerade dort, als die "Muggentobel-Lawine" kam, und an der Lokomotive und der Station brach sich ihre Gewalt. Es dauerte drei Tage, bis man die sechzehn Tonnen schwere Maschine wiederfand. Die Reisenden grub man aus, aber im Bahnhofsgebäude kamen alle ums Leben, bis auf einen. Der fing sofort an zu graben, als man ihn befreit hatte, und wollte auf keinen Zuspruch hören. "Ich muß die Kasse bergen", sagte er, "1700 Schilling, der Staat darf nicht geschädigt werden."

Wird man wieder aufbauen? In Blons haben alle am Tage des Unglückes behauptet: "Nein." Sie würden "ins Land" gehen, weg von den Bergen, und manche wollen das heute noch. Doch die meisten meinen heute: "Wir bauen auf. Aus Stein und halb in den Berg hinein, damit die Lawinen über uns hinweggehen."

Die Frage nach der Schuld

Die Katastrophe ist die größte in der Geschichte Vorarlbergs. Verglichen damit ist es in Tirol, in Bayern und in der Schweiz noch glimpflich abgegangen. Die Frage nach der Schuld beschäftigt viele, wenn man sich auch darüber zu sprechen scheut. Man ließe es offiziell gern dabei bewenden, daß es ein Naturereignis war, weit über menschliche Macht hinaus. Und gewiß, natürliche Umstände wirkten unglücklich zusammen: der trockene Herbst, der späte Schneefall, der erst am 19. Dezember begann, die Kälte seit Neujahr, durch die der Schneegrund sich nicht festigen konnte, und darauf seit dem 9. Januar ein bis zwei Meter lockerer Pulverschnee. "Im Walsertal, das sich senkrecht zum Nordwestturm hinzieht", sagt der wissenschaftliche Leiter des Lawinenwarndienstes im Vorarlberg, Dr. Leo Krasser, "wurde der Schnee in besonderen Massen aufgehäuft und stürzte mit unvorstellbarer Wucht ins Tal – als Staublawine, die durch den Druck der geballten Luft, die sie vor sich her treibt, alles in ihrer Bahn zerstörte."

Aber erklärt das alles? Die Lawinen seien auf der "nur wenig bewaldeten Leeseite" niedergegangen, sagt Dr.Krasser. Hat man die Höhen zu stark abgeholzt? Die Einheimischen bestreiten dies meist mit Leidenschaft, und die Behörden am grünen Tisch desgleichen. Aber privat räumt mancher Beamte ein, wenigstens an der einen oder anderen Stelle könnte die Abholzung schuld sein. Und auch im Großen Walsertal gibt es Stimmen, die behaupten, in den letzten Sommern seien Nacht für Nacht Holztransporte zu Tal gegangen. Falls das zutrifft, war es heimlich geschlagenes Holz? Oder gaben amtliche Stellen die Genehmigung? Die Sozialdemokratische Partei in Österreich hat bereits versucht, politisches Kapital aus der Frage zu schlagen, sie wirft der Volkspartei vor, ihre Finanzpolitik sei für die Kürzung der Mittel des Lawinenschutzes verantwortlich. Das ist gewiß nicht die richtige Haltung bei einem gemeinsamen nationalen Unglück. Aber sicherlich ist zu erwarten, daß man die Frage des Raubbaus ohne Rücksicht auf die Interessen der Parteien untersuchen wird, denn schließlich handelt es sich nicht nur um die Klärung einer Schuld; man weiß, daß gerade im Walsertal, dem ärmsten Gebiet Vorarlbergs, Einschläge vornehmlich aus wirtschaftlicher Not vorgenommen wurden. Es handelt sich aber darum, daß Opfer wie die dieser letzten Katastrophe, in Zukunft, soweit es in menschlicher Macht steht, verhindert werden