La, Templin in der Uckermark

Kaum zwanzig Kilometer sind es von Templin nach Joachimsthal, dem kleinen Ort am Rande der Schorfheide, unweit, von Chorin, wo sich eines der schönsten Zisterzienserklöster als steinerner Zeuge mittelalterlich-abendländischer Kultur gegen die "Kultura" abhebt, die ringsum propagiert und aktiviert wird. Die Laune, in der Potentaten oft ihre Entscheidungen fällten, vermochte manchmal spielerisch das Richtige zu treffen. Kurfürst Joachim Friedrich mag einen guten Tag gehabt haben, als er beschloß, mitten in diese landschaftlich so anmutige, aber immer noch recht wilde Uckermark eine Pflanzstätte des Geistes zu setzen. Der kleine Marktflecken erhielt seinen Namen (Joachimsthal), und hier entstand das Gymnasium Brandenburgicum in volle Joachimicia. 1607 begann hier die Geschichte einer der bedeutendsten Schulen Deutschlands, des Joachimsthalschen Gymnasiums.

Vor gut einem halben Jahr, nein, eigentlich schon 1945 hat diese Geschichte geendet. Kaum eine halbe Bahnstunde von hier, in Templin, wo die Joachimsthaler Gymnasiasten 1912 eine neue Heimat fanden. Nun, die Schule war nicht geradewegs von Joachimsthal nach hier verlegt worden. Zwischen diesen beiden Daten – 1607 und 1912 – lag eine ständige Wanderzeit. Der Dreißigjährige Krieg hatte zuerst die Pforten der Schule gewaltsam verschlossen. Fast zweihundert Jahre war darin ein großes Gebäude in Berlin, in der Burgstraße, das Domizil gewesen. 1880 wurde es aus dem zu unruhig gewordenen Stadtzentrum in die Kaiserallee verlegt.

Als dann 1912 auch hier der Verkehr der sich ausweitenden Großstadt störend wurde, hieß es wieder: Umzug, ja, eigentlich Heimkehr. In die Uckermark, eben nach Templin, wo in ländlicher Abgeschiedenheit eine neue Epoche begann: eine Epoche, die voller Unruhe und endlich voller Not für die Joachimsthaler werden sollte. Erst einmal kam 1918 der Zusammenbruch der Monarchie, die durch eine Stiftung die Schule getragen hatte. Es kamen die Nazis, denen sich hier eine aus echt konservativem Denken geborene Resistenz gegenüberstellte. 1944 aber wurde schließlich doch noch der alten humanistischen Anstalt eine "Napola" angegliedert.

Dann kamen die Sowjets.

Kultura, Kultura

Und mit ihnen die Kultura, die sich in den Rokokosesseln der Amalien-Bibliothek breitmachte. Bücherregale wurden dazu bestimmt, die Lebensmittelvorräte der in und um Templin lagernden Sowjetdivisionen aufzunehmen. Der anliegende botanische Garten wurde zum Waffenlager. Die Lehrerbibliothek, in ihrer Art die größte und vollkommenste in Deutschland, zum Stabsquartier. Den neuen Besitzern fehlte jedes Gefühl für die Werte, die sie hier umgaben, Rasch vollzog sich unter ihren Händen der Prozeß der Umwertung. Zierliche Rokokomöbel wurden zerhackt, von den Tausenden von Büchern, die man achtlos auf die Flure geworfen hatte, wurden unzählige, unersetzbare verfeuert. Denn in dieser Amalien-Bibliothek hatte die Schwester Friedrichs II. und spätere Markgräfin von Bayreuth vor allem französische Urdrucke des 16. und 17. Jahrhunderts zusammengetragen. Alte, seltene Bibelausgaben, eine große Sammlung von Münzen und eine Unzahl von Kupferstichen aus dem 17. und 18. Jahrhundert hatte die Bedeutung dieser Bibliothek nur noch erhöht. Nun wurden die wertvollen Münzen achtlos weggeworfen, die Stiche zu Zielscheiben sowjetischer Kunstschützen.