Hans Bernhard Reichow baut zwei neue Gartenstädte bei Hamburg

Schade, daß es heute so neblig ist", sagt der Architekt, als wir, auf der Ausfallstraße anfahrend, die ersten Häuser der neuen Gartenstadt zu Gesicht bekommen, "Sie hätten sonst einen besseren Eindruck."

Ich stimme in sein Bedauer ein, aber es ist mir nicht ganz ernst damit. Man soll sich die Freude nicht zu bequem machen. Wie gut Caruso sang, kann ich auch an einer alten, kratzenden Schallplatte erkennen. Und ich kann mir ausdenken, wie herrlich seine Stimme ohne Nebengeräusche klingen würde –: wenn der Dunst die Gartenstadt grau und eintönig erscheinen ließe, dann wäre sie auch bei Sonnenschein öde. Denn Sommergrün und Sonnenlicht sind bei Städten nichts als die Politur, der glänzende Firnis. Es kommt auf das an, was darunter ist. Den nach dem Rasterschema angelegten Mietskasernenstraßen des vorigen Jahrhunderts helfen die üppigsten Grünstreifen und der strahlendste Sonnenschein nichts. Ihre Unwohnlichkeit wird dadurch nur noch peinlicher offenbar.

Wohlig wohnen

Denn: Wer ist wichtig, der besichtigende Gast oder die Menschen, die in der neuen Gartenstadt wohnen sollen (und zu einem Drittel schon wohnen)? Ob Sonnenschein, ob Dunst (in Hamburg meist Dunst), sie sollen sich darin wohlfühlen, nicht beengt, nicht eingekapselt, nicht reglementiert, sondern eben – die deutsche Sprache hat kein besseres Wort –: wohlig.

Aber ist das denn nicht – wird der Skeptiker fragen – eine Quadratur des Kreises: großstadtnah, geräumig, luftig, wohltätig für Augen und Lungen und dennoch erschwinglich zu bauen? Eine ganz kleine Stadt sogar, zwei ganz kleine Städte (Hohnerkamp und Farmsen), die eine für 5000, die andere für 8000 Menschen? Geht denn das heute, wo wir mit dem "sozialen Wohnungsbau" so bedenkliche Erfahrungen machen – und noch dazu ohne öffentliche Gelder, sondern mit Mitteln der privaten Wirtschaft? Und wenn es im einen oder anderen Falle wirklich gehen sollte, sind das nicht Ausnahmen ohne weitertragende soziale Bedeutung?

Wir steigen aus dem Volkswagen des Architekten und gehen an der Ladenzeile entlang, die noch im Bau ist: wir gelangen in eine der schleifenförmigen Fahrstraßen, die die Gartenstadt aufschließen und gliedern. Linker Hand auf dem neuen, künstlich gedichteten Teich zwischen den neu gepflanzten, zehn Meter hohen Bäumen (was macht’s, daß sie entblättert sind?) laufen Jungen Schlittschuh. "Genau das hatte ich mir erhofft", bemerkt der Architekt.