Vor uns, diagonal gestellt, die erste Zeile von vier zweistöckigen Einfamilienhäusern (Wohnraum: 83 qm). Die Straße steigt sacht an, von 22 auf 31 Meter über Normalnull. Hinter und über den ersten Zeilen kommen höhere: mit dreigeschossigen „Zweispännern“, durchweg sechs in einer Zeile, und dort, wo das Gelände der Höhe 31 nahe ist (auf dem Kamm des Gebirges sozusagen – für Hamburg ist das ein Gebirge!), stehen, über die ganze Länge der neuen Stadt verteilt, auf Kernstellen, von denen sich die Schleifenstraßen ausfächern, neun sechsstöckige Mietshäuser. Der Erbauer nennt sie „Punkthäuser“, weil die Anlage der fünf oder sieben Wohnungen von ein bis vier Zimmern jedes Stockwerks eng um das luftige Treppenhaus konzentriert ist. Je höher die Lage, desto höher die Häuser.

Ja, die beiden neuen Gartenstädte sind Terrassenstädte. Die Erinnerung an Siena stellt sich ein: die gleiche fließende Straßenführung, die gleiche Verschiedenheit und Belebtheit des Ausblicks von jeder Stelle der Wegekurven aus. Die gleiche Krönung durch hohe, turmartige Häuser. Sogar die gleiche Weite der Sicht über das Land: von jeder Balkonloggia der oberen Geschosse in Hohnerkamp aus sieht man die Stadtsilhouette Hamburgs mit den Kirchen und dem Rathausturm. Denn jede der 1538 Wohnungen sieht mit der Wohnseite nach Südwesten, der Nachmittagssonne zu. Und Südwesten ist auch die Richtung, in der die Hamburger Innenstadt liegt.

Aber der Vergleich mit italienischen Terrassenstädten hat seine Grenzen: die neuen Hamburger Terrassenstädte sind grüne Städte. Gegen die Ausfallstraßen decken sie Gehölze, die dem vorbeibrausenden Fahrer die Sicht einschränken oder ganz verwehren. Innen sind (in Hohnerkamp) von 30 Hektar Gesamtgelände – das ist etwa der Flächeninhalt des ummauerten alten Lübeck – 21 Hektar Grünfläche, und zwar an den Rändern der Schule zu, an den Zeilen nach der Straße, zwischen den Zeilen. Ein Netz von Promenaden durchzieht die neuen Städte. Freiflächen mit Rasen kommen dazu, ein Kinderpark, ein Rodelhügel und ein Planschbecken natürlich auch.

Noch ehe der Besucher Fragen nach den wirtschaftlichen, technischen und baukünstlerischen Schwierigkeiten aufwirft, stellt er bei sich fest: die neue Stadtanlage heimelt ihn an. Hier möchte er wohnen. Es muß nicht ihm allein so gehen, denn nach nur sieben Monaten Bauzeit sind schon fast alle fertigen Wohnungen (500 etwa) bezogen. Eine stille Faszination geht von der ganzen Anlage aus. Die schwingenden Straßen, die erkerartig gekurvten Hausfronten, die vielen Ruhepunkte für das Auge – und gewiß auch die kräftigen Pastelltöne, in denen die obere Schicht des Verputzes über dem Porenbeton, dem wärmedämmenden und also heizungsparenden Baumaterial, gefärbt ist – alles zieht den Beschauer halb unbewußt in seinen Bann und läßt ihn freier atmen, als in der zerfaserten Landschaft von Baracken, Kleinsiedlerhäusern und Wochenendlauben, die ihn bei der Anfahrt bekümmerte.

Die Finanzierung

Nun aber: wie ist diese städtebauliche Unternehmung möglich, und welche Tragweite kann sie haben?

Zunächst einige Angaben. Die Baukosten – 22 Millionen für Hohnerkamp – sind aus Mitteln der privaten Wirtschaft („7c-Gelder“) aufgebracht worden; daher können Mietswohnungen und Eigenheime frei vergeben werden. Die Kostenmiete, 1,65 DM je Quadratmeter, liegt dennoch nur wenig höher als für entsprechende Wohnungen, die die öffentliche Hand baut. Dies günstige Ergebnis ist zwei Umständen zu verdanken: Das große Gelände gehörte nur drei Grundbesitzern, mit denen man schnell einig wurde, und seine „Erschließung“, also Straßenbau, Kanalisation, Leitungsanlage, wurde mit dem sehr niedrigen Satz von 5,40 DM je Quadratmeter des gesamten Geländes durchgeführt, da der Architekt hier ein von ihm schon früher theoretisch entwickeltes Verfahren – das „Verästelungsprinzip“, die Erschließung von der Mitte, nicht von den Rändern her – praktisch anwenden konnte. Wie denn überhaupt Hohnerkamp und auch Farmsen für Hans Bernhard Reichow (er ist der Architekt) die großen Gelegenheiten sind, das, was er in seinen beiden Büchern, „Organische Stadtbaukunst“ und „Organische Baukunst“ vorgetragen hat, in die Tat umzusetzen: die wohnliche Wohnstadt, die auf das Lebensgefühl ihrer Bewohner abgestellt ist, auf den nervus sympathicus, der sich gegen die technische Zivilisation im Unterbewußten der heutigen Menschen zur Geltung bringt und von dessen Übereinstimmung mit der Umwelt ihr Behagen, ihre Arbeitsfreudigkeit und ihre Humanität abhängen.